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Veröffentlicht von Weimer Media Group GmbH am 18.03.2012

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 18.03.2012:

Börsenbrief BÖRSE am Sonntag
BÖRSE am Sonntag

Weimer Media Group GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 2000

Grünes Geld: Nachhaltig, sozial, gewinnträchtig

Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal. Nach der Jahrhundert-Ölpest im Golf von Mexiko und ein Jahr nach der Atomkatastrophe in Fukushima richten auch immer mehr Privatanleger das Augenmerk auf ökologische und soziale Kriterien. Eigentlich sollte das Konzept ein Selbstläufer sein. Doch in der Praxis sieht mancher Anleger rot statt grün.

 

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima vor einem Jahr führte in Deutschland nicht nur zum Atomausstieg, sondern forcierte auch in Sachen Geldanlage einen Bewusstseinswandel: Laut einer Online- Umfrage des Deutschen Derivate Verbands (DDV) aus dem letzten Jahr werden ethische, ökologische und soziale Aspekte für private An- leger bei ihren Investments zunehmend wichtiger. Demnach ist Nach- haltigkeit für fast ein Drittel der Befragten mittlerweile ein wichtiger Faktor bei der Geldanlage. Vor knapp drei Jahren hatten dagegen noch mehr als 55% der Teilnehmer auf die Frage, ob sie bei ihrer Geldanlage Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen, mit Nein geantwortet.

Überschaubarer Markt

Und tatsächlich hat sich laut einer Studie von Eurosif (European Sus- tainable and Responsible Investment Forum) das Volumen nachhal- tiger Geldanlagen in Europa seit dem Jahr 2008 von 2,7 auf 5 Bio. Euro im Jahr 2010 nahezu verdoppelt: „Die anhaltende Finanzkrise und Desaster wie die Umweltkatastrophe um Deepwater Horizon im Golf von Mexiko haben viele Investoren wachgerüttelt“, kommentiert Eurosif die Studienergebnisse.

Im deutschsprachigen Raum lag das Volumen nach Angaben des Sustainable Business Institute (SBI) zum Jahreswechsel (31.12.2011) bei rund 30 Mrd. Euro. Das klingt nach viel Geld. Doch bezogen auf den deutschen Anlagemarkt reicht dies nach Berechnungen des Forums Nachhaltige Geldanlage (FNG) nur für einen Anteil von unter 1% (0,9%). Das heißt, dass zwar ein Um- denken stattfindet. Zu einer Veränderung der Handlungsmuster

ist es jedoch noch nicht gekommen. Das könnte daran liegen, dass nachhaltige Geldanlagen einem Großteil der Anleger noch immer kein Begriff sind.

Das dürfen Anleger erwarten

Dass Aufklärung tatsächlich gefragt ist, belegt eine Forsa-Umfrage, die im ersten Quartal 2011 im Auftrag von Union Invest- ment durchgeführt wurde: Der Mehrheit der Privatanleger ist nachhaltige Geldanlage fremd, kommentierte Daniel Günnewig, Ge- schäftsführer der Union Investment Privat- fonds GmbH, das Ergebnis der Studie. Was versteht man überhaupt unter nachhaltiger Geldanlage? Um Letztere handelt es sich, wenn neben wirtschaftlichen Aspekten wie beispielsweise Gewinnwachstum und KGV auch die Art und Weise, wie der Gewinn er- wirtschaftet wird, von Bedeutung ist. Solche, nach ethischen und ökologischen Gesichts- punkten getätigten Investments werden in- ternational unter den Begriffen Socially Res- ponsible Investments (SRI) beziehungsweise Environment, Social, Governance (ESG) zu- sammengefasst. Ein Grund für die Auswahl eines bestimmten Unternehmens könnte also sein, dass es ethisch besonders vorbildlich handelt. Eine andere Möglichkeit ist, die Aus- wahl anhand von Ausschlusskriterien wie Gentechnik, Kinderarbeit, Rüstung oder Tierversuche zu steuern. Dagegen investieren Fonds, die mit Positivkriterien arbeiten, nur in Unternehmen ausgewählter Branchen, beispielsweise erneuerbaren Energien und Umwelttechnik.

Zeithorizont ist entscheidend

Diese Beispiele lassen erahnen, wie schwierig die Auswahl in der Praxis ist. Wählt man beispielsweise aus jeder Branche die Unter- nehmen aus, die sich am meisten engagieren, hat man unweiger- lich auch Atom- und Rüstungskonzerne im Portfolio. Spezialisierte Anbieter wie beispielsweise Sarasin, Sustainable Asset Management (SAM) und Swisscanto, aber auch große Fondshäuser wie die Deka suchen daher längst nicht mehr nur nach der relativ saubersten Firma einer Branche. Lässt man die sogenannten Best-in-Class- Produkte daher außen vor, bleiben von den rund 300 Fonds mit Nachhaltigkeitsanspruch nach Einschätzung der Spezialisten von

Feri Eurorating nur noch etwa 150 Pro- dukte übrig. Von dieser erlesenen Schar darf man nun aber einiges erwarten, oder? Schließlich gehört es zum Grundverständ- nis des Nachhaltigkeitsgedankens, dass sich das Engagement mittel- bis langfristig auch wirtschaftlich auszahlt: „Es ist unser Ziel, durch die Integration von ökologischen, so- zialen, aber auch wirtschaftlichen Nachhal- tigkeitskriterien bei der Auswahl von Akti- en einen Mehrertrag zu erwirtschaften und besser abzuschneiden als ein vergleichbarer Index“, so der SAM-Fondsmanager Dieter Küffer 2004 in einem Interview.

Satte Verluste statt grüner Rendite

Demnach muss das gute Gewissen gerade nicht mit einem Renditeabschlag erkauft werden. Doch zumindest für das abgelaufe- ne Jahr fällt die Bilanz ernüchternd aus: Die nachhaltigen Fonds (inkl. Best in Class) verloren 2011 nach Berechnungen des Branchendienstes ECOreporter im Schnitt um 14,4% an Wert: „Wenn ich sehe, dass 90% der nachhaltigen Aktienfonds 2011 Verluste aufwiesen – da kann ich die Ent- täuschung der Anleger nachvollziehen. Sie haben ja gerade gedacht, Nachhaltigkeit sei etwas, das sich in Krisenzeiten bewährt“, kommentiert der Nachhaltigkeitsexperte Jörg Weber, Vorstand des ECOreporter. de AG-Verlags und Geschäftsführer der ECOeffect GmbH, das Ergebnis. Fairer- weise muss gesagt werden, dass nachhaltige Konzepte gerade aufgrund ihrer langfristi- gen Ausrichtung kurzfristig durchaus sehr schwache Perioden aufweisen können. Für den entsprechend orientierten Anleger ist daher ein langfristiger Anlagehorizont ent- scheidend. „Rückgerechnet auf fünf Jah- re verlor der Nachhaltigkeitsindex [Stoxx Global ESG Leaders] jedoch nur 12,8%, während der Stoxx Global 1 800 fast 16% einbüßte“, kommentierte Konrad Sippel, Produktverantwortlicher beim Indexanbie- ter Stoxx in einem „Handelsblatt“-Interview die schlechtere Performance im Jahr 2011. Auf strikte Konzepte setzen

Anleger, die eine langwierige Auswahl ver- meiden möchten, deswegen aber nicht auf eine strikte Auslegung des Nachhaltigkeits- gedankens verzichten wollen, greifen zu be- währten Indizes. Das beste Beispiel für ein solches Produkt ist der 1997 gestartete, in- ternational ausgerichtete Naturaktien-Index (NAI). Dieser hat sich in den letzten zehn Jahren (18.03.2002–15.03.2012) nicht nur als Benchmark für ökologische Geldanlagen etabliert, sondern schlägt mit einer Perfor- mance von rund 164% auch den DAX, der im gleichen Zeitraum nur um rund 30% zulegen konnte. Auch der älteste Bran- chenindex, der Domini 400 Social Index, zeichnet sich durch ein besonders strenges Indexkonzept aus. Eine weitere Möglichkeit bildet die nachhaltige Indexfamilie Stoxx Global ESG Leaders der Deutschen Börse. Auch diese Barometer genügen höchsten Ansprüchen: Die Indexfamilie basiert auf den Ratings der international renommier- ten Research-Agentur Sustainalytics.

Grün ist nicht automatisch gut

Eine weitere Möglichkeit, sein Geld mit gutem Gewissen anzulegen, bieten spezi- elle Banken. Vier Institute, die GLS-Bank, die Umweltbank, die Triodos Bank und die Ethik Bank, versprechen ihren Kunden, das Geld ausschließlich für ökologische beziehungsweise soziale Projekte und In- vestitionen zu vergeben. Auch hier gilt es jedoch, die Angebote kritisch zu hinterfra- gen. So meldete „Finanztest“ kürzlich: „Vie- le Anleger sind von der Umweltbank ent- täuscht. Die Bank habe ihnen mit falschen Werbeaussagen riskante Beteiligungen an Windparks angedreht und langjährige In- vestitionen in Windparks als sichere Alters- vorsorge empfohlen. Später, als die Erträge ausblieben, habe sie ihre fehlerhaften An- gaben und die Sicherheitseinschätzung für die Windfonds deutlich nach unten korri- giert.“ Nicht jedes Projekt im Bereich der erneuerbaren Energien ist auch automatisch ein sinnvolles Investment. Trotz der häufig schönen Namen sollten Sparer auch diese Angebote genau prüfen und gründlich re- cherchieren. Ratsam ist häufig auch eine anbieterunabhängige Beratung. Diese bie- ten beispielsweise die Verbraucherzentralen.

Fazit

Die Bedeutung nachhaltiger Investments wird in den kommenden Jahren zweifellos stark zunehmen. Um böse Überraschungen zu vermeiden, sollten Anleger, die nach öko- logischen und ethischen Kriterien investieren möchten, Produkte wählen, die sich an be- sonders strengen Kriterien orientieren. Vor einem Investment in spezielle Anlagen wie Genussrechte, geschlossene Fonds etc. sollte in jedem Fall eine unabhängige Beratung in Anspruch genommen werden. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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