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Veröffentlicht von Redaktion am 14.09.2011

Evotec: Neue Kooperation beflügelt

Evotec: Neue Kooperation beflügelt

Während der TecDAX in der vergangenen Woche Verluste verzeichnete, stieg die Aktie des Wirkstoffforschungs- und -entwicklungsunternehmens kräftig. Eine neue Kooperation bei der Entwicklung eines Medikaments sowie die deshalb angehobene Umsatzprognose waren offenbar Kaufargumente. Grund genug, sich Evotec einmal genauer anzuschauen.

Der weltweite Pharmasektor ist derzeit im Umbruch: Viele Patente laufen aus oder werden in den nächsten Jahren ihren Schutz verlieren – neue Produkte sind vergleichsweise rar. Daher waren in den vergangenen Quartalen etliche Firmenkäufe in der Branche auszumachen, wohinter offenbar das Kalkül steckt, Umsatzeinbußen auszugleichen, die entstehen, wenn Schlüsselprodukte ihren Patentschutz verlieren und Nachahmerpräparate (Generika) auf den Markt kommen. Weil die Suche nach geeigneten Substanzen für Medikamente sehr zeit- und kostenintensiv ist, Pharmafirmen daher ihre Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Zuge von Effizienzsteigerungen reduzieren, werden zudem vermehrt Wirkstoffe für potenzielle neue Medikamente eingekauft oder lizenziert. Von diesem Trend profitieren Firmen, die gezielt nach Wirkstoffen suchen und diese Suche als Dienstleistung anbieten oder gefundene potenzielle Wirkstoffkandidaten für Präparate in Form von Kooperationen und Entwicklungspartnerschaften vermarkten. Dazu zählt auch Evotec. 

Wirkstoffsuche für Partner

Weltweit tätig, bietet Evotec unabhängige und integrierte Lösungen im Bereich der Wirkstoffforschung, angefangen bei der Identifizierung von Wirkstoffkandidaten bis hin zur klinischen Entwicklung. 1993 gegründet, sieht sich die kleine deutsche Firma heute als einzigartig positioniert, dank erstklassiger Wissenschaftler, modernster Technologien sowie umfangreicher Erfahrung und Expertise in wichtigen Indikationsgebieten wie Neurowissenschaften, Schmerz-, Stoffwechselerkrankungen, Krebs und Entzündungskrankheiten. Nachdem der 2009 einberufene Firmenlenker Werner Lanthaler das Ruder übernommen und einen radikalen Strategiewechsel eingeleitete hat, wobei die risikoträchtige eigene Forschung und Entwicklung nach Medikamenten stark zurückgeführt wurde, konzentriert sich Evotec wieder verstärkt auf das risikoärmere Kerngeschäft, die Wirkstoffsuche für große Pharma- und Biotechnologiekonzerne, um dann mit Forschungsallianzen und Entwicklungspartnerschaften neue pharmazeutische Produkte zu entwickeln.

Großer Erfolg

Bezüglich der Zusammenarbeit mit großen Firmen meldete Evotec jüngst einen neuen Deal, der als großer Erfolg bei der Suche nach einem Partner für einen der eigenen Medikamentenkandidaten gewertet werden kann. Der Schweizerische Pharmariese Roche und Evotec unterzeichneten eine exklusive weltweite Lizenzvereinbarung zur Entwicklung und Kommerzialisierung der Substanz EVT 302, dem so genannten MAO-B-Inhibitor von Evotec, der das Fortschreiten der Alzheimerschen Krankheit verlangsamen soll. Weil Roche für die klinische Entwicklung, Herstellung und Kommerzialisierung zuständig sein wird und auch die Kosten dafür trägt, bietet die Vereinbarung für Evotec große Chancen und ist gleichzeitig ohne finanzielles Risiko. Im Rahmen der Vereinbarung erhält Evotec eine Vorabzahlung von 10 Mio. US-Dollar. Weitere Meilensteinzahlungen für die Entwicklung und Kommerzialisierung könnten sich auf bis zu 820 Mio. US-Dollar summieren. Zudem hat Evotec Anspruch auf abgestufte Umsatzbeteiligungen in zweistelliger Höhe an den verkauften Produkten. Roche bekommt dafür die Rechte an der Substanz EVT 302, die bei Evotec bereits die Phase-I der klinischen Entwicklung durchlaufen hat. 2012 will Roche mit dem Wirkstoff eine Phase- II-Studie starten. Im Erfolgsfall erwarten Experten aber frühestens 2016/17 den Markteintritt des Medikaments. Alzheimer gilt als eines der lukrativsten Pharmaindikationsgebiete, auch weil es bisher kaum wirklich wirksame Mittel zur Behandlung der Krankheit gibt.

Prognosen angehoben

Als relativ kleine Firma ist Evotec bei der Entwicklung eigener Wirkstoffkandidaten auf Partnerschaften mit finanzstarken Mitstreitern angewiesen, und der Vorstand bewertete die vereinbarte Kooperation als besonderen Erfolg. "Allein wäre Evotec nicht in der Lage, die Kosten für die Entwicklung eines Alzheimermedikamentes zu stemmen", erläuterte er. Die neue Kooperation mit Roche dürfte zudem den Schmerz mildern, den der Rückschlag (Einstellung der Entwicklung eines Antidepressivums) in diesem Jahr bei einer anderen Partnerschaft mit den Schweizern hervorbrachte. Wegen der Einmalzahlung hob Evotec zudem seine Umsatzprognose für 2011 erneut an, geht nun von 77 bis 79 Mio. Euro aus. Erst im August hatte die Gesellschaft ihr Ziel auf 70 bis 72 Mio. Euro erhöht, nachdem bereits im Juni eine erste Schätzung von März auf 68 bis 70 Mio. Euro vergrößert wurde. 2010 hatte Evotec 55,3 Mio. Euro umgesetzt, was einem Plus von 29% entsprach. Gleichzeitig schrieb die Firma mit einem Nettoprofit von fast 3 Mio. Euro schwarze Zahlen, nachdem im Vorjahr noch ein riesiger Verlust von 45,5 Mio. Euro angefallen war. Im ersten Halbjahr 2011 setzte sich die positive Entwicklung fort. Der Umsatz kletterte dank des erweiterten Portfolios an Wirkstoff-Forschungsallianzen sowie auch dank Akquisitionen kräftig um 34% auf 33,4 Mio. Euro. Daneben erhöhte sich der Überschuss von 0,1 auf 0,8 Mio. Euro. Der Vorstand sprach von der besten Halbjahresperformance der Firmengeschichte.

Fazit:

Die jüngst vereinbarte Kooperation mit Roche ist ein großer Erfolg, was offenbar auch bei den Investoren für Kauflaune sorgte. Offen ist, wie lange dieser Effekt nun nachwirkt, schließlich dürfte es noch ein paar Jahre dauern, bis das Medikament, wenn erfolgreich, auf den Markt kommt. Die Zusammenarbeit scheint jedoch inklusive der anderen Forschungs- und Entwicklungsallianzen die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells von Evotec insgesamt zu untermauern. Die nach dem Strategiewechsel wenigen verbliebenen eigenen Forschungsprojekte sind dabei durch das nun wieder forcierte Kerngeschäft gut abgesichert. Ferner sind die Forschungsausgaben für die seit 2010 wieder profitable Firma wieder auf einem vertretbaren Niveau, um weiter schwarze Zahlen zu schreiben, wie zuletzt auch die Halbjahreszahlen zeigten. Wie in der Branche üblich, sind jedoch Rückschläge mit einzukalkulieren, was im Fall von Evotec angesichts der im Verhältnis zur Firmengröße zwar sehr soliden, aber ansonsten vergleichsweise geringen Kapitalstärke ein nicht zu vernachlässigendes Risiko darstellt. Dem sollten sich Anleger bewusst sein, wenn sie auf die zweifelsohne vorhandenen Chancen, die eine Investition in Evotec bietet, setzen. Durchaus erwägenswerte, sehr spekulative Long-Positionen sind daher bezüglich Positionsgrößen und Risikomanagement angemessen zu handhaben.


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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