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Veröffentlicht von Weimer Media Group GmbH am 03.04.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 03.04.2011:

Börsenbrief BÖRSE am Sonntag
BÖRSE am Sonntag

Weimer Media Group GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 2000

Ende des Erdöl-Zeitalters nicht in Sicht

Die Revolutionen in Nordafrika, die Atomdebatte und der Aufschwung der Weltwirtschaft sorgen für eine Renaissance der Ölindustrie. Weltweit wird mit Hochdruck nach neuen Quellen und technologien geforscht. trotz immer größerer Risiken für die Umwelt. Auch für Anleger ist die Lage kompliziert.

 

Vor fast genau einem Jahr kam es im Golf von Mexiko zum ökologischen Super-GAU: Die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ des britischen Ölkonzerns BP war am 22. April 2010 nach einer Explosion gesunken. Schätzungen zufolge flossen über mehrere Wochen etwa 800 Mio. Liter Rohöl ungehindert ins offene Meer. Dass es sich damit um die mit Abstand größte Ölkatastrophe der Geschichte handelt, ist ein trauriger Rekord. Welche Tragweite die Verseuchung für die Ökosysteme hat, ist bis heute nicht abzusehen.

„Deepwater Horizon“ und der Absturz

Doch im Gegensatz zur Natur hat der Mensch ein ausgeprägtes Kurzzeitgedächtnis. Unmittelbar nach dem Unglück war von der Zerschlagung des Ölkonzerns BP und einer Pleite des Bohrinselherstellers Transocean die Rede. Politiker und Experten forderten unisono deutlich strengere Auflagen und Kontrollen und Präsident Obama ließ kurzerhand alle Tiefseebohrungen vor der US-Küste stoppen. In der Folge brachen nicht nur die Aktien der unmittelbar betroffenen Unternehmen ein. Die gesamte Branche kam an den Börsen unter die Räder. Schließlich war damit zu rechnen, dass die Kosten der Ölproduktion wegen hoher Umweltauflagen deutlich steigen würden. Die auf Ölförderung aus großen Tiefen spezialisierte brasilianische Petrobras verlor beispielsweise innerhalb von nur vier Wochen gut 25% ihres Börsenwertes.

Kurzes Gedächtnis

Doch nachdem die Bilder der Ölpest aus den Medien verschwunden waren, dauerte es nur wenige Wochen, bis die Branche zur Normalität zurückkehren konnte. Zwar muss BP eine Belastung

von rund 70 Mrd. US-Dollar verkraften, doch durch den Verkauf von Vermögensteilen und – dank steigender Ölpreise – sprudelnde Einnahmen konnte das Unternehmen bereits im dritten Quartal des letzten Jahres wieder Gewinne erwirtschaften. In den letzten zwölf Monaten erholte sich der Aktienkurs um über 50%. Die Notierung des Plattformherstellers Transocean hat sich ausgehend von ihrem Tief von Anfang Juni 2010 sogar verdoppelt.

Aufschwung treibt Energiepreise

Parallel dazu kommt die Weltwirtschaft zunehmend wieder in Fahrt. In Deutschland und den großen Emerging Markets Brasilien, China, Indien und Südostasien läuft es schon länger wieder rund, nun kommen auch aus den USA deutliche Zeichen für einen breiteren Aufschwung. Weil unsere Wirtschaft nach wie vor am Erdöl hängt, zieht die Nachfrage nach dem schwarzen Gold seit einigen Quartalen wieder deutlich an. Das treibt naturgemäß die Preise. Die Notierung der Sorte Brent kletterte allein in den letzten zwölf Monaten um fast 80%. Stabilität verzweifelt gesucht

Die Revolutionen in Nordafrika – so wünschenswert sie unter demokratischen Gesichtspunkten auch sein mögen – haben zudem neue Zweifel an der politischen Stabilität der Region aufkommen lassen. Einen Ausfall des größten Erdölexporteurs Saudi-Arabien infolge eines Umsturzes könnte unsere erdölhungrige Weltwirtschaft nicht kompensieren. Um die Abhängigkeit langfristig zu reduzieren, müssen daher Quellen in anderen Regionen erschlossen werden. Die größten (nachgewiesenen) alternativen Vorkommen finden sich zum einen in Form von Ölsanden in Kanada, insbesondere aber in Tiefseefeldern vor der Küste Brasiliens und im Golf von Mexiko. Welche Bedeutung Letztere haben, verdeutlich eine Schätzung von Experten der amerikanischen Ölindustrie: 2015 könnte bereits ein Viertel des weltweit vor den Küsten geförderten Öls aus der Tiefsee stammen.

Renaissance der tiefseeförderung

Unter diesen Gesichtspunkten überrascht es nicht, dass das amerikanische Innenministerium vor wenigen Tagen wieder eine Tiefseebohrung genehmigt hat. Der britisch-niederländische Konzern Royal Dutch Shell erhielt Mitte März die Erlaubnis, im Golf von Mexiko nach Öl bohren zu dürfen. Die neuen Standards, die seit der Ölkatastrophe gelten, würden bei dem Projekt erfüllt, so die US-Regierung. Bereits wenige Wochen, nachdem die BP-Bohrinsel gesunken war, hatte Petrobras im Mai vergangenen Jahres mit der Förderung von Erdöl aus einem neuen Tiefseefeld begonnen. Das Vorkommen, das ursprünglich Tupi hieß und in Lula umbenannt wurde, liegt mehrere Kilometer unter dem Meeresspiegel. Mit einem geschätzten Vo

lumen von über 5 Mrd. Barrel (159 Liter) ist die Lagerstätte der größte Fund der letzten Jahrzehnte. Nachdem der Kurs von Petrobras im letzten Jahr vor allem unter einer gigantischen Kapitalerhöhung litt, konnte die Notierung nach Abschluss dieser Maßnahme seit Anfang Dezember letzten Jahres um über 20% zulegen.

Rohstoff schlägt Aktie

Vergleicht man die Ölpreisentwicklung mit jener der Aktien der großen Ölkonzerne, muss man feststellen, dass die Börsenkurse der Unternehmen nicht im gleichen Maß gestiegen sind wie der Rohstoff: Die Notierungen von Royal Dutch Shell und Exxon legten beispielsweise in den letzten zwölf Monaten um rund 25% zu, Lukoil-Titel stiegen um rund 21%. Demgegenüber kam der Ölpreis im gleichen Zeitraum um gut 60% voran. Eine Investition in einen Rohstoff-Tracker erscheint daher auf den ersten Blick als die bessere Alternative. Doch die Derivate haben ihre Tücken.

Contango geht ins Geld

Denn beziehen sich die Derivate – beispielsweise Zertifikate – auf einen einzelnen Rohstoff, müssen diese aus Future-Kontrakten konstruiert werden. Da diese Terminkontrakte jedoch zeitlich begrenzt sind, die begebenen Zertifikate aber meist über deren Fälligkeitstermin hinaus weiterlaufen, müssen die Emittenten die zugrunde liegenden Positionen anpassen. Zu diesem Zweck wechseln sie regelmäßig kurz vor dem Laufzeitende des jeweiligen Kontraktes in den nächstfälligen. Diese Vorgehensweise bezeichnet man im Fachjargon als rollieren. Bei diesem Wechsel kommt es nun stark auf das Verhältnis der Terminnotierungen an: Sind die längerfristigen Kurse höher – wie derzeit beim Öl – kommt es beim Rollieren zu Verlusten. Denn für den Betrag, den man beim Verkauf der fälligen Terminkontrakte erhält, bekommt man weniger vom nächsten. Diese Situation wird als Contango bezeichnet. Umgekehrt folgt natürlich, dass im Falle niedrigerer längerfristiger Preise Gewinne anfallen – diese Konstellation wird als Backwardation bezeichnet. Seit Anfang 2009 befand sich der Ölmarkt jedoch kontinuierlich in einer Contango-Situation, sodass die Inhaber von herkömmlichen Öl-Trackern (z. B. WKN: AA01WF) in den letzten zwölf Monaten nur auf ein Mini-Plus gekommen sind.

Fazit

2010 stieg die globale Nachfrage nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) um rund 2,8 Mio. Barrel pro Tag. In diesem und im nächsten Jahr dürfte diese nochmals um 1,5 Mio. Barrel pro Tag zulegen und damit einen neuen Rekordwert erreichen. Aufgrund der Contango-Problematik sollten sich Anleger insbesondere die breit angelegten Sektorindizes wie beispielsweise den AMEX Oil Index

(z. B. WKN: SG0F4L; Zertifikat) oder den STOXX Europe 600 Oil & Gas (z. B. WKN: ETF072; ETF) näher ansehen. Als Geheimtipp gelten trotz einer guten Performance in den letzten Wochen auch die Öl-Servicegesellschaften. Schließlich steigt der Aufwand bei der Ölförderung in jedem Fall, was den Firmen stetig steigende Gewinne beschert. Auch hier bieten sich IndexZertifikate zum Beispiel auf den S&P Oil & Gas Drilling Index (WKN: ABN2BZ) oder den Philadelphia Oil Service Sector Index (WKN: ABN1H6) an. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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