Die Welt ist auf der Suche nach der künftigen Architektur des globalen Finanzsystems

Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 11.11.2010
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Frankfurter Börsenbrief

Dass dabei jüngst sogar eine Orientierung an Gold bzw. sogar ein neuer Goldstandard als Gedanke in den Ring geworfen wurde, zeigt auf, dass auch totgeglaubte Lösungen auf einmal wieder salonfähig werden. Immerhin stammt der Vorschlag von Robert Zoellick, früher Handelsbeauftragter der Bush-Regierung und heute Chef der Weltbank. Mit seinen Äußerungen hat Zoellick neues Öl in das Feuer der globalen Gold-Spekulation gegossen, die ihr Finale noch nicht erreicht hat. Man sollte dies nicht aus dem Zusammenhang reißen, denn Zoellicks Vorstoß zielt ja generell auf ein Ende des „Währungskrieges“ und eine Öffnung Chinas für die Kapitalmärkte ab. Doch Zoellicks Äußerungen sollen wohl eher ein Impuls für weiteres Nachdenken sein. Denn:


Ein echter Goldstandard für sich allein genommen ist unwahrscheinlich. Starre Wechselkurse sind langfristig unvereinbar mit politischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Musterbeispiel ist das Scheitern von „Bretton Woods“. Das Abkommen aus dem gleichnamigen Ort steht für das Währungssystem der näheren Nachkriegszeit mit fest an den Dollar gehängten Währungen. Der Dollar wiederum war gelinkt mit Gold. So gesehen waren die Währungen damit faktisch an den Goldpreis gekoppelt. Das Modell lief aus dem Ruder, denn die wachsende Weltwirtschaft erforderte eine wachsende Geldmenge, aber ein Halten des Goldpreises auf dem Fix-Niveau hätte eine Begrenzung der Geldmenge erfordert. Das System wurde 1971 von US-Präsident Nixon aufgekündigt, 1973 folgten die meisten anderen beteiligten Währungen. Eine simple Festschreibung der Devisen an Gold als Bezugsgröße würde die Weltfinanzen in ein zu enges Korsett hineinzwingen. Andererseits kann das aktuelle Gerangel einzelner Notenbanken um möglichst schwache Eigenwährungen auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Es ist technisch unmöglich, dass alle Währungen gleichzeitig abwerten. Vielmehr gibt es bei einem solchen Pokerspiel Gewinner und Verlierer, was politisch schwer vermittelbar ist - besonders auch vor dem Hintergrund der vielfach extrem strapazierten Staatsfinanzen. Die neue Nervosität um Irland passt in dieses Raster. In einem solchen Umfeld besteht unverkennbar die Gefahr, dass einzelne Akteure die Nerven verlieren und als Reaktion den Außenhandel einschränken. Für die global vernetzte Welt könnte eine solche protektionistische Entwicklung zu einem Infarkt werden, den aber eigentlich keiner will. Damit wird ein Anpassungsbedarf der globalen Finanzarchitektur offensichtlich. Es ist zu bezweifeln, ob diese Anpassungen nur den Marktkräften überlassen wird. Dafür ist sie zu wichtig und die jüngeren Erfahrungen mit dem Markt zu ungünstig. Was sind die Knackpunkte? Die hohe Gewichtung des Dollar im globalen Finanz-Kreislauf wird sich normalisieren. Die USA stehen für etwa ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung, der Dollar andererseits aber für über 60 % der globalen Devisenreserven und mehr als 80 % aller Transaktionen an den Devisenmärkten. Lagen die globalen Reserven im Jahr 1995 noch bei 1,3 Bio. $ (was damals etwa 5 % der weltweiten Wirtschaftsleistung entsprach), so sind daraus bis heute etwa 8,4 Bio. Dollar geworden. Gewichtung damit etwa 14 % der globalen Wirtschaftsleistung. Etwa zwei Drittel dieses „Butterberges“ liegen in Emerging Markets. So sinnvoll der Aufbau von Devisenreserven im Nachklang der Asien-Krise (1997) auch gewesen sein mag - das sinnvolle Maß zur Abfederung der Handelsströme (Import/Export) ist überschritten. Würde sich der globale Aufbau von Devisenreserven im bisherigen Tempo fortsetzen, so würden die Reserven in Relation zur amerikanischen Wirtschaftsleistung von derzeit 60 % auf 200 % im Jahr 2020 anwachsen. Aber: Das übertriebene Horten gigantischer Devisenreserven bedeutet für Emerging Markets eine falsche Mittelallokation. Gerade in den sog. Developing Economies (also den sich entwickelnden Volkswirtschaften) sollte es doch möglich sein, für das Kapital sinnvolle Investitionsmöglichkeiten im eigenen Land zu entdecken und damit den wirtschaftlichen Aufschwung und das Wachstum - mithin auch den Wohlstand in der eigenen Bevölkerung - zu fördern. Stattdessen leihen die vormals „armen“ Länder den „reichen“ Volkswirtschaften (besonders den USA) ihr Geld. Die Alternative wäre: Investition in Realwirtschaft mit dem Aufbau von Arbeitsplätzen, der Bildung einer Mittelschicht und der Erschließung eines echten neuen Nachfragepotenzials für die globale Wirtschaft. Das hat vor dem Hintergrund der wieder erwachten Sparneigung bei US-Konsumenten und der ungünstigen Demographie in vielen westlichen Ländern eine immens wichtige Bedeutung. Ferner: Ein Argument für eine neue Finanzordnung ist auch die extreme Volatilität in den globalen Kapitalströmen. Während Direktinvestitionen (z.B. der Bau von Produktionsanlagen) langfristig orientiert sind, können Portfolio- Investitionen quasi in Sekundenschnelle von A nach B transferiert werden. Wohlgemerkt nicht nur als Folge von realwirtschaftlichen Aspekten, sondern teils auch als Folge eines simplen Herdentriebs an Märkten mit zu wenig Meinungsvielfalt. Die Notenbanken können in einem solchen Umfeld Zuschauer werden wie beim Stierlauf in Pamplona. Die Gefahr externer Schocks für solche Länder ist hoch. Dazu kommt: Die große Abhängigkeit der Rohstoffpreise vom Dollar bedeutet für die Länder eine große Unbekannte in der Gleichung. Es wurde mit den Sonderziehungsrechten des IWF ja bereits eine Kunstwährung geschaffen, die prinzipiell als Ersatz für den Dollar bei der Abrechnung vieler Rohstoff-Transaktionen dienen könnte. Die sog. Special Drawing Rights (SDR) stellen einen Währungskorb mit dem Dollar, Euro, Pfund und dem Yen dar. Diese Quadrille wäre sicherlich zu erweitern um den chinesischen Yuan, sofern dieser flexibilisiert würde. Doch ob diese Kunstwährung tatsächlich zu einer Reserve-Währung wachsen könnte, gilt derzeit noch als unwahrscheinlich, zumal der IWF derzeit nicht die Funktion einer globalen Notenbank hat. Die neue globale Finanzarchitektur kommt nicht über Nacht. Aber sie wirft ihre Schatten voraus, denn eine simple Fortführung der bisherigen Mechanismen dürfte in absehbarer Zeit an natürliche Grenzen stoßen. Eine neue Version von Bretton-Woods wäre vom Charakter anders als die bisherigen Varianten des globalen Währungsgeschehens. Was sich indes bereits abzeichnet, ist eine Normalisierung in der (zu hohen) Dollar-Gewichtung. Zu wünschen wäre eine stärkere Allokation von Finanzmitteln in die Realwirtschaft, z.B. mittels Direktinvestitionen. Vor allem Letzteres könnte für die globale Wirtschaft einen nochmals immensen Wachstumsschub bedeuten, insbesondere für Länder mit globaler Orientierung und Aufstellung (z.B. Deutschland). Das erneute Flutungsprogramm der Fed könnte in diesem Gesamtkontext ein geöffnetes Zeitfenster sein, um den Märkten und auch den anderen Notenbanken eine langsame Anpassung an neue Realitäten zu ermöglichen. Für die Märkte bedeutet dies ein extrem spannendes Umfeld, denn in der Übergangsphase sind an vielen Stellen der Finanzmärkte sehr erhebliche Gewinne möglich.

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