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Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 07.07.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 07.07.2011:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Die Verbalakrobatik der Europäer in der Causa Griechenland ist eine Blamage an mehreren Fronten

EZB- Cheflenker Jean Claude Trichet ist in der Vergangenheit beleibe kein Freund der Dominanz von Rating-Agenturen gewesen. Doch war es der gleiche Trichet, der die Rettung der griechischen Banken vom Votum der Rating-Agenturen abhängig machte. Die europäischen Finanzminister mussten sich den Kopf über eine Lösung zerbrechen, um nur ja das Unwort „Default“ zu vermeiden.

 

 

Andernfalls hätte die EZB keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheit für Liquiditätsgeschäfte mit griechischen Banken akzeptiert und den griechischen Bankensektor damit mehr oder weniger frontal gegen die Wand fahren lassen. Als nun Standard & Poor ́s bekundete, auch die französische Lösung sei eine Schlechterstellung der Gläubiger und damit ein begrenzter Default (Selective Default), zeigte sich, wie butterweich die Linie der EZB hinter allem Verbalgetöse eigentlich ist. Man werde weiter griechische Anleihen als Sicherheit akzeptieren, solange nicht alle relevanten Rating-Gesellschaften den Daumen auf „Default“ absenken. Mit anderen Worten: Die Wirklichkeit wird so konstruiert, wie sie passt.

Und wenn alles nichts mehr hilft, dann muss man eben die Macht der Rating-Agenturen beschneiden. Zweifellos ist der Einfluss der „Big Three“ zu groß geworden. Standard & Poor ́s hat einen Anteil am globalen Kuchen der Rating-Agenturen von 52 %, Moody ́s steht für 36 % und Fitch für 7 %. Macht in der Summe 95 % Anteil für lediglich drei Adressen. Hieran hängt die wirtschaftliche Existenz ganzer Länder und Volkswirtschaften und ein großer Teil der Positionierung in Portfolios von Versicherern und sonstigen Anlegern. Dies ist zweifellos eine Schwachstelle im System. Doch einen wirklichen Vorwurf kann man den Gesellschaften kaum machen, denn die Problematik zu hoher Schulden (= Solvenzproblem) lässt sich mit kurzfristigen Liquiditätsmaßnahmen nicht eliminieren. Wenn die Rating-Agenturen hier grünes Licht geben würden, dann wäre das faktisch ein ähnlicher Fehler wie man das seinerzeit bei der Bewertung von abenteuerlichen Schuldenkonstruktionen im Vorfeld der US-Immobilienkrise praktizierte. Auch die Gründung einer politisch gewollten und sicherlich auch mind. teilweise gesteuerten europäischen RatingAgentur könnte die Wirklichkeit nicht wesentlich anders darstellen als sie ist: In allen vier „GIPS“-Staaten wird die Staatsverschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Insgesamt sind derzeit etwa 423 Mrd. € an Schulden zu viel im System, wenn man ein tragfähiges Schuldenniveau von 80 % der Wirtschaftsleistung unterstellt sowie eine Regelung, dass der IWF keine Verluste tragen muss. Das ergibt eine höchst spannende Frage auch für den deutschen Zinsmarkt:

Wann wird die reduzierte Kreditwürdigkeit Europas auch auf die deutsche Kreditwürdigkeit und mithin das Zinsniveau in Deutschland abfärben? Bisher ist davon wenig zu spüren. Zuletzt ergab sich für deutsche Schuldtitel sogar große Nachfrage und ein niedrigeres Zinsniveau als für die USA, was schon bemerkenswert ist. Dahinter verbirgt sich der Status als absolut sicherer Hafen. Aber Fakt ist auch: Deutschland wird zum wichtigsten Zahlmeister in Europa, und das deutsche Zinsniveau in Relation zur wirtschaftlichen Stärke ist zu niedrig oder anders ausgedrückt: Fluchtgelder sorgen für eine Überbewertung des deutschen Zinsmarktes. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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