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Veröffentlicht von Redaktion "BÖRSE am Sonntag" am 11.01.2009

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 11.01.2009:

Börsenbrief BÖRSE am Sonntag
BÖRSE am Sonntag

Weimer Media Group GmbH - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 2000

Die regionalen Börsenplätze in Deutschland

Konkurrenz belebt das Geschäft: Weil sich der Aktienhandel hierzulande fast vollständig auf der Handelsplattform Xetra der Deutschen Börse abspielt, müssen sich die Regionalbörsen spezialisieren, um überleben zu können. Davon profitiert vor allem der Privatanleger.

Ähnlich dem kleinen gallischen Dorf aus Asterix und Obelix müssen sich die fünf regionalen Handelsplätze seit Jahren gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner behaupten: 98% der hiesigen Aktienorders werden mittlerweile über das elektronische Handelssystem Xetra abgewickelt. Die Computerbörse gehört zu dem nach Marktkapitalisierung weltweit wertvollsten Handelsplatz – der Deutschen Börse in Frankfurt. Um den ungleichen Kampf zumindest etwas offener zu gestalten, haben sich die Anbieter aus der Provinz auf bestimmte Nischen verlegt und versuchen insbesondere Privatanleger mit zusätzlichen Services zu locken.


Verlierer und Gewinner

Die im März 2003 aus einer Fusion der Bremer mit der Berliner Börse hervorgegangene, öffentlich-rechtliche Wertpapierbörse „Berlin-Bremen“ kam dabei mehr oder weniger unter die Räder: Im Juni 2007 wurde die Fusion wieder aufgelöst und die Bremer Börse geschlossen. Der verbliebene Teil, die Hauptstadt Börse, erwarb im September 2007 eine Mehrheitsbeteiligung an der EASDAQ, die unter der Marke Equiduct ein europäisches Handelssystem betreibt. Auch wenn die Börse mangels Ordervolumen um ihr Überleben kämpft – die ersten Umsätze auf der noch wenig bekannten neuen Equiduct- Plattform werden erst in diesem Jahr erwartet – ist die Börse für Privatanleger aufgrund der zahlreichen, hierzulande sonst nicht gehandelten Auslandswerte interessant. So können Anleger die Aktie des amerikanischen E-Mail-Marketing-Spezialisten Constant Contact (WKN: A0M0LD) hierzulande nur über die Berliner Börse kaufen und verkaufen. Sollte der Erfolg weiterhin ausbleiben, dürfte das Schicksal des traditionsreichen Handelsplatzes jedoch über kurz oder lang besiegelt sein. Denn die Deutsche Börse hat zuletzt jegliche Zurückhaltung aufgegeben. Auf Druck ihrer Anteilseigner versucht die Leitbörse zum Beispiel die Kosten für gemeinsam genutzte Systeme, wie das Parketthandelssystem XONTRO, neu zu verhandeln – mit dem Ziel, die kleineren Börsenbetreiber stärker zu beteiligen. Zudem sehen sich beide einem neuen Gegner gegenüber: Von den Großbanken selbst gegründete Handelssysteme machen den etablierten Anbietern mittlerweile erfolgreich Konkurrenz. Weil parallel dazu auch die aufsichtsrechtlichen Anforderungen steigen, kommen zu den sinkenden Umsätzen im Stammgeschäft auch noch steigende Kosten. Trotzdem konnten sich insbesondere die Börsen in Stuttgart und Hamburg/Hannover erfolgreich positionieren.


Die Derivate – eine Wette auf die Zukunft

Die Börse Stuttgart setzte mit der Tochter EUWAX frühzeitig auf das Thema Derivate und ist in diesem Bereich klarer Marktführer. Zum 30.09.2008 betreute die EUWAX 373.884 Wertpapiere. In den ersten neun Monaten wurden 8,8 Mio. Orders mit einem Gesamtvolumen von 112,2 Mrd. Euro ausgeführt. Davon entfielen 7,8 Mio. Orders und damit knapp 90% auf den Derivatehandel. Weitere Erfolge erzielten die Schwaben mit ihrer noch jungen Plattform Bond-X im Renten- und Fondshandel. Der Umsatz legte bei den Bonds gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um +40% auf 323.000 Orders zu – das Volumen liegt hier bereits bei rund 30 Mrd. Euro – und der ebenfalls noch junge Fondshandel um +91% auf 156.000 Orders. Insgesamt ging das Handelsergebnis an der Börse Stuttgart aufgrund der Finanzkrise und der Vertrauenskrise speziell bei den Zertifikaten zwar um 17% auf 154 Mrd. Euro zurück. Damit war 2008 aber immer noch das zweitbeste Jahr in der Geschichte des zweitgrößten deutschen Börsenbetreibers.


Attraktive Marktplätze für Fondsanleger

Auch die Börsen AG, die Trägergesellschaft der Börsen Hamburg und Hannover, zog zum Jahresabschluss – trotz eines Umsatzrückgangs von gut 12% auf 21 Milliarden Euro – eine zufriedenstellende Bilanz. Trotz Finanzkrise haben die beiden Börsenplätze ihre Marktposition behauptet und verteidigen mit einem Umsatz von rund 21 Milliarden Euro auch im Jahr 2008 den dritten Platz unter den deutschen Börsen. Die Börse Hamburg profitiert dabei vor allem von ihrer frühzeitigen (2002) Fokussierung auf den Handel mit Investmentfonds unter dem Dach der Tochter Fondsbörse Deutschland. Inzwischen werden dort mehr als 4000 Fonds gehandelt und die Fondsbörse Deutschland ist mit einem Umsatz von 3 Milliarden Euro der führende Anbieter beim Börsenhandel mit offenen Fonds. Unter der Dachmarke „zweitmarkt.de“ betreut diese zudem seit fast zehn Jahren auch den Handel mit geschlossenen Fonds. Im ersten Halbjahr 2008 setzte der Marktführer auf diesem Gebiet etwa 61 Millionen Euro um. Da Anteile von geschlossenen Fonds, also an Windparks, Flugzeugen oder Immobilien, per se eigentlich nicht handelbar sind, versuchen die Hamburger mit ihrer Plattform „zweitmarkt.de“ zumindest einen börsenähnlichen Handel herzustellen. Die Plattform erfüllt hier die Funktion eines Maklers und vermittelt verkaufswilligen Anlegern einen Käufer für ihren Fondsanteil. Dass dies gerade bei Fondsanteilen für Privatanleger Gold wert sein kann, zeigte der vergangene Herbst. Aufgrund eines Stopps der Anteilrücknahme bei einigen offenen Immobilienfonds Ende Oktober erlebte die Börse Hamburg einen wahren Boom. „Die Anleger handelten daraufhin verstärkt über die Börse Hamburg, die nach wie vor Käufe und Verkäufe der eingefrorenen Fonds ermöglichte“, so Dr. Thomas Ledermann, Geschäftsführer der Börse Hamburg. Für den Anleger hat der Handel von Fondsanteilen über die Börse aber auch in normalen Zeiten Vorteile, denn er spart den Ausgabeaufschlag von bis zu 5%. Dafür zahlen Anleger zwar wie auch bei Aktien eine Ordergebühr an ihre Bank und zusätzlich eine Provision an den ausführenden Börsenmakler. Trotzdem lohnt sich der Kauf an der Börse bereits ab einem Handelsvolumen von rund 1500 Euro.


Kleine Anbieter besonders serviceorientiert


Die Nische Fondshandel haben auch die Bayern entdeckt. Inzwischen scheint sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass man nicht immer alles allein machen muss. Folgerichtig hat sich die Börse München im November letzten Jahres an der Fondsbörse Deutschland Beteiligungsmakler AG beteiligt und steigt damit in den Zweitmarkt für geschlossene Fonds ein. Ein eigenständiges Profil erhält die Börse München jedoch durch das Marktsegment M:access, das gerade jungen Unternehmen einen einfachen und kostengünstigen Weg an die Börse ermöglichen soll. Zum 1. September 2008 waren in M:access 23 Unternehmen gelistet. Bei den Geschäftszahlen gibt man sich sehr zurückhaltend – die letzte veröffentlichte Bilanz (Bundesanzeiger) ist von 2006. Im Gegensatz dazu setzt die Börse Düsseldorf voll auf Service und Transparenz. Mit dem Ergebnis 2008 ist die Börse Düsseldorf angesichts des schwierigen Marktumfeldes und der insbesondere am Platz Düsseldorf spürbaren Finanzkrise zufrieden. Der Jahresumsatz betrug gemäß Bundesumsatzstatistik rund 60 Mrd. Euro. Im Markt behauptet sich die Börse vor allem mit ihren Services für Privatanleger: Neben ihren langen Öffnungszeiten von 8 bis 23 Uhr führte die Börse Anfang letzten Jahres beispielsweise den spreadlosen Handel für DAX-Werte ein und reduzierte im Juni die börslichen Orderkosten für die Mehrheit der Privatanleger. Fazit Die Idee mit dem Handel von offenen und geschlossenen Fonds ist kein Einzelfall. „In der Branche kamen fast alle Innovationen der vergangenen Jahre von den Regionalbörsen und wurden dann früher oder später von der Deutschen Börse nachgemacht“, sagt Christine Bortenlänger, Mitglied der Geschäftsleitung der Börse München. Auch der Handel bis 20 Uhr und länger, die Garantie, dass Kurse nicht schlechter ausfallen als auf Xetra, die Vermeidung von Teilausführungen oder der Verzicht auf Spreads zählen zu den Neuerungen, die durch die Regionalbörsen vorangetrieben wurden und werden. Doch damit nicht genug. Mit der Ende 2008 gestarteten Policenbörse Deutschland bietet die Börsen AG Hamburg und Hannover eine Handelsplattform, auf der Lebensversicherungen erstmals nach den Grundsätzen einer Börse gehandelt werden können. Nach Derivaten und Fonds wird damit ein weiterer Markt durch die Regionalbörsen überhaupt erst erschlossen. Ein Sieger des Wettstreits steht damit fest: der Privatanleger.  


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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