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Veröffentlicht von Redaktion "Frankfurter Börsenbrief" am 05.11.2009

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 05.11.2009:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Die Börse lebt von Angebot und Nachfrage

Diese Weisheit mag banal erscheinen, aber sie ist ganz unten, unter dem Strich, der eigentliche Trendsetter für Bullenund Bären-Märkte. Die fundamentale Entwicklung bzw. die Erwartungen darauf sind eher als Meinungsbildung zu betrachten, aber die Kurse ergeben sich hieraus bestenfalls indirekt.

Das ist gerade im aktuellen Kontext eine wichtige Betrachtung. Denn nach dem ersten (sehr starken) Erholungsimpuls an den Märkten und speziell an der deutschen Börse stellt sich die Frage, welche Anschlußkäufer den Kursrahmen erweitern oder ob dem sehr steilen und inzwischen auch angeknacksten Trend die Puste vorzeitig ausgeht. In diesem Kontext verdient die Versicherungs- Szene einen näheren Blick.

Die wahrscheinliche Änderung der Bilanzierung hat für die deutsche Börse eine herausragende Bedeutung. Galt bisher Transparenz und Fair Value als hohe Maxime bei der Bewertung von Anlagepositionen, so dürfte dies durch das International Accounting Board (IASB) in Kürze gekippt werden. Das bedeutet mehr Flexibilität und mind. teilweise eine Abkehr vom sog. „Mark-to-Market“-Modell, nach der die Einzelpositionen immer wieder neu bewertet werden müssen. Für die Versicherungsunternehmen folgt daraus das Risiko einer extremen Ergebnisschwankungsbreite und dies völlig abseits des operativen Geschäfts. Dies und die hohe Volatilität der Märkte in den letzten Jahren mit immerhin zwei großen Finanzcrashs innerhalb von etwa 8 Jahren sowie die Regeln unter der Überschrift Solvency II, lassen es verständlich erscheinen, daß die Versicherer in den letzten Jahren eher zurückhaltend bei Aktien-Neuengagements agierten.

Damit hat die Versicherungs-Szene allerdings einen gigantischen Ertrag verschlafen. Lag die Aktienquote im Jahr 2000 noch bei etwa 26 % (s. Chart), so wurde diese prozyklisch abgesenkt auf etwa 8 % in 2003. Während der DAX nach dem 2003er Tief um etwa 270 % explodierte, zog die Aktienquote bei den deutschen Versicherern bis 2006/’07 auf gerade mal 9 bis 10 % an. Rechnet man die Kursgewinne bei den verbliebenen Positionen ab, so haben die Versicherer also in die Stärke herein die Aktienbestände massiv zurückgefahren. Inzwischen liegt die Aktienquote bei etwa 5 % bzw. sogar ca. 3 %, wenn man netto inkl. Kursabsicherungen rechnet. Doch diese Zurückhaltung ist ein Auslaufmodell. Denn:

Die Versicherungsgesellschaften bekommen zunehmend Mühe, die Renditen für die Lebensversicherungen darzustellen. Die garantierte Verzinsung liegt bei etwa 2,25 %. Inkl. der Überschußbeteiligung liegen die Renditen im Schnitt bei etwa 4,26 %. Der Marktführer Allianz Leben liegt bei ca. 4,5 %. Zumindest bei Neuanlagen am Rentenmarkt läßt sich diese Rendite nur schwerlich darstellen. Auch dürfte es bei Bond-Anlagen bei langfristig wieder steigenden Zinsniveaus, Kursverluste hageln. Die Rendite von Lebensversicherungen sind aber nicht nur ein wichtiges Verkaufsargument, sondern auch eine Schlüsselgröße für viele Immobilienfinanzierungen, für die eine Tilgung über eine Lebensversicherung angesetzt war. Die Versicherer werden also kaum umhinkommen, den strategischen Blickwinkel zu erweitern und wohl auch stärker auf Aktien zu schauen.

Das erlaubt interessante Zahlenspiele. Das Gesamtvolumen der deutschen Versicherer lag nach Angaben des Gesamtverbandes der dt. Versicherungswirtschaft bei mehr als 1.100 Mrd. € (davon etwa 680 Mrd. € bei Lebensversicherungen). Natürlich schwenken die Versicherer nicht abrupt um, zumal viele Nerven nach wie vor blankliegen. Aber wenn die Gesellschaften mittelfristig die Aktienquote auf im Schnitt 10 % hochfahren würden (das wäre historisch betrachtet eher das Minimum), dann hieße das eine potentielle Investitionssumme in Aktien von 55 Mrd. €. Stellen Sie dagegen die Indexkapitalisierungen auf Seite 2.

Fazit: Konkretisiert sich also die bilanzielle Vereinfachung und die Versicherer müssen nicht jedes Quartal neu den Ergebnis-Jojo spielen, dann erschließt sich hier eine für die deutsche Börse immens wichtige und nachhaltige Käufergruppe, die nach dem ersten Impuls für die Anschlußkäufe sorgen dürfte.


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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