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Veröffentlicht von Redaktion "Frankfurter Börsenbrief" am 10.12.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 10.12.2010:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
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CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Der Weg aus der europäischen Schuldenkrise sollte gepflastert sein mit einer Verbesserung der Produktivität

Es ist nicht verwunderlich, dass dies in der öffentlichen Debatte kaum auftaucht, denn dies tangiert die früheren Defizite der Politik im peripheren Europa, und man muss dabei definitiv über den kurzfristigen Schatten springen. Denn Veränderungen dieser Art wirken eher mittel- bis langfristig und sind zunächst innenpolitisch schwer verdaulich. Denken Sie weiter: Es geht nicht nur um eine Rettung des „Euro“, sondern um das Gesicht und die Chancen unseres Kontinents für die nächsten 25 Jahre. Der Zeitdruck für eine neue Europa-Story ist enorm:

Die EZB ist inzwischen eine feste Kalkulationsgröße am europäischen Anleihenmarkt geworden. Die Käufe von Staatsanleihen durch die Euro-Währungshüter mögen kurzfristige Liquiditätsprobleme am Markt ausbügeln, aber sie verändern nicht die Grundproblematik: Die Verschuldung der Euro-Peripherie ist zu groß, das Sparpotenzial zu gering bzw. zu schmerzhaft und der Bankenapparat noch immer zu schwach auf den Beinen. Ohne diese Stützung des Rentenmarktes durch die EZB hätte es wahrscheinlich bereits einen regelrechten Ausverkauf bei Staatsanleihen gegeben. Faktisch wird die Europäische Zentralbank damit zu einer europäischen Version des amerikanischen „Quantitative Easing“ gezwungen. Aber selbst damit sind die Kurse beispielsweise von deutschen Anleihen in jüngerer Zeit deutlich zurückgekommen. Oder anders ausgedrückt: Die Renditen sind deutlich angezogen. Inzwischen gibt es auch Übersprungeffekte auf den Markt für Unternehmensanleihen. Die Problematik frisst sich also sozusagen durch das System und sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Im Falle von Irland wurde aus der Bankenkrise eine Krise der Staatsfinanzen. Nun ist durchaus auch ein Zurückschwappen der Wogen von der Staatenebene in die Finanzwelt denkbar, denn die Engagements der Banken bei Staatsanleihen dürften substantiell sein. Damit ergibt sich eine sehr anspruchsvolle Situation, die langfristig orientierte Maßnahmen benötigt. Der wichtigste kurzfristige Effekt wäre eine Wiederherstellung des angeschlagenen Grundvertrauens an den Märkten. Dies ist derzeit der entscheidende Knackpunkt für das ganze System. Papiergeld und Papiergeldforderungen sind auf dem Papier des Vertrauens gedruckt. Reine Sparprogramme haben nur eine geringe Wahrscheinlichkeit, echtes Vertrauen zu schaffen. Denn wer spart, riskiert Wachstum und geht damit das Risiko ein, dass nicht nur die Neuverschuldung bzw. der Schuldenstand sinkt, sondern gleichzeitig auch die Wirtschaftsleistung. Die Relation zwischen Schulden und Wirtschaftsleistung könnte sich also deutlich schwächer verbessern als man meinen könnte - bei all dem innenpolitischen Druck, den solch eine Sparpolitik verursacht. Der Weg einer einseitigen Währungsabwertung ginge nur bei einem Ausscheren aus dem Euro. Der Preis dafür aber wäre insbesondere für die Problemländer zu hoch. Bei einer einseitigen Abwertung würden die Euro-Verbindlichkeiten auf einmal maßgeblich nach oben springen. Würde man eine Zwangsumstellung in die jeweilige Währung durchdrücken, dann ergäbe das voraussichtlich massiven juristischen Ärger und einen unglaublichen Vertrauensschaden. Wer diesen Weg geht, ist für lange Zeit völlig diskreditiert an den Märkten. Krisen sind außerordentliche Chancen, wenn man sie richtig nutzt. Die Weichenstellungen, die jetzt vorgenommen werden, haben das Potential, Europas Stellung in der Weltwirtschaft auf Jahre oder Jahrzehnte zu verändern. Halten wir uns vor Augen: Die Welt wird zum Ende des angebrochenen Jahrzehnts eine völlig andere sein als zur Jahrtausendwende. China mausert sich von der billigen Werkbank zu einem ernstzunehmenden Anbieter auch von höherwertigen und anspruchsvolleren Produkten und wird damit mehr und mehr zu einem echten Konkurrenten in Märkten, die vermeintlich der westlichen Welt gehören. Asien ist der künftige Wachstumspol der Welt. Afrika ist zwar noch in einem frühen Stadium, hat aber durchaus das Potenzial, künftig die Rolle der billigen Werkbank zu werden. Kurzum: Ein reines „weiter so“ bedeutet für Europa einen unweigerlichen Abstieg im globalen relativen Vergleich. Dies betrifft zunächst die Wirtschaft und letztlich dann auch den Einfluss auf der politischen Bühne. Europa muss endlich das nachholen, was man in den vergangenen 10 Jahren verschlafen hat

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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