Der Italien-Warnschuss ist das Misstrauensvotum des Marktes gegen die europäische Politik

Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 14.07.2011
Dies ist eine exklusive Leseprobe von:

Frankfurter Börsenbrief

Allein aufgrund der ökonomischen Eckdaten Italiens hätte die Eskalation keinesfalls jetzt und nicht in diesem Ausmaß erfolgen müssen. Auch in der Abfolge überrascht das Überspringen von Spanien als potenziellem Problemkandidaten. Sicherlich ist die Staatsverschuldung von Italien mit grob 120 % der diesjährigen Wirtschaftsleistung zu hoch. Und sicherlich ist auch die italienische Politik wenig vertrauenerweckend. Sicherlich ist auch das Wachstum unzureichend und die Sparbemühungen eher kosmetisch.


 

Andererseits liegen nur etwa 39 % der Staatsverschuldung im Ausland, bei den inländischen Gläubigern dürften die Finger nicht so zittrig auf dem Abzugsbügel möglicher Verkäufe sitzen. Auch ist die italienische Wirtschaft zumindest im Norden durchaus substanzstark. Des Weiteren ergibt sich für Italien eine günstigere Fälligkeitsstruktur der Verschuldung mit tendenziell längeren Laufzeiten, sodass ein Zinsanstieg erst mit Verzögerung als Belastung in der Haushaltsrechnung ankommt. Ein Anstieg von 100 Basispunkten in den Anleihen-Renditen bedeuten für Italien Mehrkosten von nur etwa 3,2 Mrd. € in diesem und mehr als 6 Mrd. € im kommenden Jahr. Das ist unschön, aber kein Weltuntergang bei etwa 1.800 Mrd. € Staatsverschuldung. Letztere Zahl indes zeigt auf:

Ohne einen klaren Standpunkt der europäischen Politik wird es nicht gehen. Denn die (immer noch nicht gefundene Lösung) für Griechenland wird letztlich zur Blaupause für den Rest der europäischen Problemländer. Die Wahrscheinlichkeit für einen mindestens teilweisen Zahlungsausfall Griechenlands und damit Forderungsverzichten der Gläubiger steigt und scheint inzwischen weder in der Bankenszene noch in der Politik als ein Tabuthema. Dies macht durchaus auch Sinn. Zudem dürften sich viele Marktteilnehmer nach der mühsamen Diskussion inzwischen „wetterfest“ gemacht haben, sodass die unmittelbaren Folgen eines Griechenland-Defaults für die Bankenbranche wohl darstellbar wären. Die langfristigen Folgen eines solchen „Resets“ müssen beileibe nicht immer schlecht sein, sondern sie schaffen das Potenzial für einen wie auch immer gearteten Neuanfang. Bitte beachten Sie dazu auch unsere Ausführungen auf Seite 2. Die aus jetziger Sicht wahrscheinlichste und wohl auch sinnvollste Option wäre der Rückkauf von Staatsanleihen zu Marktpreisen, also mit einem Discount von grob 50 %. Das Geld würde wohl aus dem Rettungsfonds kommen, was dann letztlich auf Eurobonds hinausliefe. Hauptzahler, aber auch Hauptprofiteur, wäre Deutschland. Doch wenn dies zum Weg für Griechenland wird, dann wird es in absehbarer Zeit auch zum Modell für Portugal und Irland werden. Bei Italien aber wäre das System wohl überfordert. Ergo:

Europa steht vor einer historischen Weggabelung.

Und die Märkte erzwingen eine Entscheidung von der Politik. Man kann über die Rating-Agenturen und deren teils tatsächlich merkwürdiges Timing schimpfen. Im Grunde aber sind sie Beschleuniger einer Entwicklung, die auf längere Sicht ohnehin kaum zu vermeiden gewesen wäre. Die erste Option ist eine tatsächliche Union der Wirtschafts und Fiskalpolitik. Dies wäre die teure, aber wohl auch einzige Möglichkeit, den Euro als gemeinsames Konstrukt zu erhalten. Es würde nicht nur Geld kosten, sondern vor allem auch politische Souveränität und wäre letztlich eine Transferunion von Nord nach Süd. Politisch scheint das weder bei Gebernoch bei Nehmerländern vermittelbar. Gelingt diese Verzahnung nicht, wird sich die Eurozone kaum zusammenhalten lassen, so ungeheuerlich das auch erscheint. Sie würde in dieser Variante nicht komplett zerfallen, wohl aber auf einen Nordund einen Südblock hinauslaufen. Der Norden wäre dann klar nach deutschem Gusto und stabilitätsorientiert zusammengebaut und erhielte eine Währung, die extrem fest würde bei allerdings auch künstlich verzerrtem niedrigem Zinsniveau als einer der sichersten Häfen in der Welt. Der Süden würde sich wohl über permanente und klare Abwertungen wieder in eine stärkere Wettbewerbsund Wachstumsfunktion manövrieren. 

 

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