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Veröffentlicht von Redaktion "Frankfurter Börsenbrief" am 23.12.2010

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 23.12.2010:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Der internationale Anleihenmarkt hat gedreht!

Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse für 2010 und eine der spannendsten Grundbetrachtungen zum Eingang des neuen Börsenjahres. Was wie ein einheitlicher Trend an den Rentenmärkten aussieht, hat zwei diametral gegensätzliche Hintergründe. Exemplarisch: Der Zins für 10-jährige USStaatsanleihen ist seit der QE2-Ankündigung gegen Ende August um etwa 90 Basispunkte auf zuletzt etwa 4,32 % angezogen. Für Spanien ergab sich ein Zinsanstieg auf 5,5 % und damit das höchste Niveau seit mehr als 10 Jahren. Der Sachrahmen unterscheidet sich indes um 180 Grad:

In den USA spielt der Markt bereits die Wachstumskarte. Denn angesichts der reichlichen Liquidität und dem zusätzlichen Rückenwind des neuen bzw. verlängerten Steuerprogramms werden die USA das Konjunktur-Gaspedal in 2010 tiefer durchdrücken als viele das jetzt erwarten. Natürlich kann man sich über die Solidität der Finanzierung streiten. Aber zunächst bedeutet eine höhere Konjunkturdynamik auch ein steigendes Zinsniveau, was in diesem Fall kein Krisensignal, sondern ein Zeichen der Normalisierung und sogar ein Stärke-Signal ist. In der Euro-Peripherie ist der aktuelle Rendite-Anstieg eine Rückabwicklung der Konvergenz-Spekulation. Im stillschweigenden Konsens der Märkte (und indirekt auch der Politik) konnte man die deutsche Risiko-Schablone auf sämtliche Länder der Währungsunion anlegen. Die deutsche rhetorische Linie der letzten Monate hat diesen Mythos nicht nur entzaubert, sondern auch den Marktrahmen viel deutlicher verändert, als dies derzeit noch wahrgenommen wird. Für viele institutionelle Adressen sind Anleihen der Euro-Peripherie aus dem generellen Anlage-Universum verschwunden. Wer wird das Vakuum füllen? Die Chinesen scheinen bereits Gewehr bei Fuß zu stehen, allerdings nicht mit Rundum-Sorglospaketen, sondern als bilaterale Hilfe, also auf individuelle Vereinbarung hin. Das aber würde die politischen Weichen in Europa massiv verschieben. Sie kennen das Sprichwort: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Die Unternehmen haben mit dem steigenden Zinsniveau kein Problem. Zum einen ist das absolute Zinsniveau im historischen Kontext immer noch extrem niedrig. Dazu kommt, dass sich viele Unternehmen vor dem Hintergrund zugeknöpfter Banken (Stichwort Basel II bzw. demnächst auch III) ohnehin bereits „winterfest“ gemacht haben. Während die Länder in Schulden ertrinken, ruhen die Unternehmen sowohl hier in Europa als auch in den USA auf einem weichen Liquiditätspolster. Die Cash-Butterberg bei europäischen Unternehmen wird taxiert auf 700 Mrd. Dollar, für die USGesellschaften sind etwa 1.000 Mrd. Dollar zu veranschlagen. Umgekehrt bedeutet dies relativ geringe voraussichtliche Ausfallraten und somit tendenziell auch weniger Risikoaufschlag. Im Gegenteil ergibt sich eine gewaltige Manövriermasse für strategische Dispositionen mit all den Phantasien und Spekulationen, die daraus entstehen. Entsprechend: Die relativen Chancen von Aktien gegenüber Renten verändern sich damit so stark wie seit etwa drei Jahrzehnten nicht mehr. Denn das Zinsniveau war in den letzten Jahren auch ein Produkt einer globalen Fehlgewichtung von Papier- zu Sachwerten. Einer global starken Ersparnisbildung stand eine unzureichende Investitionsbereitschaft in Sachwerten gegenüber. Machten Investitionen in den 70er Jahren noch etwa 26,1 % der globalen Wirtschaftsleistung aus, so wurden daraus bis 2002 etwa 20,8 %. Dieser Trend hat gedreht, was für die ökonomischen Perspektiven der Weltwirtschaft sehr zu begrüssen ist.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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