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Veröffentlicht von CURT L. SCHMITT Informationsdienste am 27.10.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 27.10.2011:

Börsenbrief Frankfurter Börsenbrief
Frankfurter Börsenbrief

CURT L. SCHMITT Informationsdienste - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 1954

Der Euro-Gipfel löst nicht alle Probleme, schafft aber zunächst eine wichtige Plattform

Dies gilt sowohl für die jeweilige politische Führung der Länder, aber auch für den Kapitalmarkt, der abseits eines akuten Krisenszenarios wieder zu einer Art Normalmodus zurückkehren kann, wo man nicht nur auf Risiken schaut, sondern auch auf Chancen, besonders jetzt in den performance-technisch so wichtigen Schlusswochen des Börsenjahres. Außerdem auf die tatsächliche Unternehmensentwicklung, Verbesserungspotenziale und Bewertungsniveaus. Im Abverkauf der letzten Monate haben die Börsen die realwirtschaftliche Eintrübung wesentlich überzeichnet, es ergab sich eine markante Dissonanz zwischen Kursniveaus und tatsächlichen Zahlen sowie dem Insider-Kaufverhalten. Man berücksichtigte beispielsweise das Konsumbild (siehe S. 5 und 9) oder auch den Realitätstest durch die vorgelegten Quartalsberichte und Ausblicke (siehe S. 3). Halten wir fest:

 

Griechenland ist an der Pleite vorbeigeschrappt. Zwar fehlen insgesamt noch einige Details, aber letztlich dürfte es auf einen freiwilligen Schuldenschnitt hinauslaufen, wobei Banken den größten Teil ihrer Griechenanleihen in länger laufende und vom EFSF (teil-)garantierte Anleihen tauschen, letztlich aber wohl keine Anleihe wirklich ausfällt. Das scheint in der Öffentlichkeit nicht ganz vollständig wahrgenommen zu werden. Es wäre gewissermaßen ein Default ohne Default. Auch nach diesem Haircut der Banken ist das griechische Schuldenniveau unmissverständlich zu hoch. Der „Erlass“ bedeutet ein Volumen von etwa 100 Mrd. €, was sich mit insgesamt etwa 350 Mrd. Schulden vergleicht. Selbst inkl. des Schuldenschnitts besteht die Perspektive per 2020 (!), dass die GriechenSchulden auf 120 % der Wirtschaftsleistung zurückgehen (von derzeit etwa 160 %). Für ein wirtschaftlich höchst marodes Land ist auch dieses Niveau letztlich nicht haltbar, und in spätestens 2 bis 3 Jahren dürfte das Thema erneut auf der Agenda stehen. Für die Kapitalmärkte indes ist dies dann allerdings kein großer Stolperstein, denn:

Die Politik hat sich mit der jetzigen Lösung letztlich zur gemeinschaftlichen Haftung bekannt. Dies wird man den deutschen Wählern so natürlich kaum verkaufen wollen, aber das ist die Botschaft an die Kapitalmärkte. Damit wäre gewissermaßen die Grundannahme der europäischen Konvergenz-Spekulation wieder hergestellt. Bei der Differenzierung und entsprechend ungleichen Zinsniveaus für die jeweiligen Staaten wird es wohl bleiben, aber das ist völlig in Ordnung und aus Nachhaltigkeits-Aspekten sogar sinnvoll. Wer eine solide Politik betreibt, zahlt weniger, Hasardeure zahlen mehr. Die Märkte wissen nun, dass die Mühlen der europäischen Politik zwar langsam mahlen, aber dass der politische Wille für das Euro-Konstrukt groß genug ist, um kein Land der Euro-Zone durch das Raster fallen zu lassen. Die Ansteckungsgefahr für Italien und Spanien ist damit deutlich kleiner geworden.

Die Banken werden mit den Belastungen klarkommen.

Ohnehin ist der Prozess der Neudimensionierung bereits angelaufen, an dessen Ende ein deutlich reduzierter wirtschaftlicher Einfluss der Branche stehen wird. Denn mit erhöhten Mindest-Kapitalpolstern und gegebenenfalls auch markanten Beschränkungen in der Dividendenpolitik und der Bonus-Politik gegenüber den Mitarbeitern wird das Ergebnispotenzial der Banken nachhaltig eingegrenzt, dazu kommt die voraussichtliche Verwässerung durch Kapitalerhöhungen. Banken haben also bis auf temporäre Erholungsphasen zunächst keinerlei Wachstumsstory. Wer aber auf Nachhaltigkeit bedacht ist, kann dieser Redimensionierung durchaus etwas abgewinnen, wenn es dazu beiträgt, die verrückte Amplitude in den Schwankungen an den Kapitalmärkten und in der Realwirtschaft einzugrenzen. Die „European Banking Authority“ (EBA) beziffert das zusätzlich erforderliche Kapital der EU-Banken auf 106 Mrd. €. Voraussichtlich wird man sich von zwei Seiten an das grundsätzliche Ziel heranpirschen, zum einen über eine Verkürzung der Aktivseiten in den Bilanzen (durch Assetverkäufe und/oder auch eine rückläufige Kreditvergabe) und zum anderen durch frische Mittel durch Kapitalmaßnahmen. Letztlich ist dies darstellbar, insbesondere, wenn der Markt zunächst aufatmet und sich die Stimmung in den kommenden Wochen weiter verbessert.

Wenn die Markt-Maschine wieder in Gang kommt, erscheint es möglich, dass die EZB mit ihren Stützungskäufen sogar ein Gewinngeschäft macht. Bisher wurden von der europäischen Zentralbank Anleihen im Volumen von etwa 169,5 Mrd. € erworben (zunächst griechische, irische und portugiesische Anleihen, später auch spanische und italienische). Wohlgemerkt: Die Papiere bei der EZB sollen ihren Wert behalten. Werden die Papiere einfach bis Endfälligkeit gehalten, könnten daraus ansehnliche Gewinne werden. 

 


Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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