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Veröffentlicht von Redaktion "Rohstoff-Report" am 14.01.2011

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 14.01.2011:

Börsenbrief Gold- & Rohstoff-Report
Gold- & Rohstoff-Report

BörseGo AG - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit Januar 2002

China: Die Welt ist nicht genug

Mögest Du in interessanten Zeiten leben, heißt ein chinesisches Sprichwort. Solche Zeiten scheinen angebrochen zu sein. China sichert sich im großen Stil Rohstoffe und Firmenbeteiligungen im Ausland. Im ersten Halbjahr 2010 kaufte die Volksrepublik Rohstoffreserven im Ausland im Wert von 31 Milliarden Dollar. Diese Investitionen gingen zu Lasten der Käufe von US-Staatsanleihen, für die nur noch 23 Milliarden Dollar übrig blieben. Auch wenn Experten schätzen, dass die Summe im Gesamtjahr bei 55 Milliarden für beide Posten liegen wird, ist das schon interessant. Vor wenigen Jahren kaufte China fast gar nichts im Ausland, während es verlässlich rund 100 Milliarden Dollar pro Jahr in US-Staatsanleihen steckte.

China benötigt Rohstoffe für seine schnell wachsende Wirtschaft. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Währungspolitik. Es scheint Konsens darüber zu bestehen, dass die chinesische Währung unterbewertet ist, möglicherweise sogar bis zu 40%. Die chinesische Regierung scheint zugestimmt zu haben, ihre Währung gegenüber dem US-Dollar pro Jahr um 2% bis 3% aufwerten zu lassen. Angesichts eines solch schwachen Dollars macht es für die Chinesen wenig Sinn, weiter große Summen in US-Dollar-Anleihen zu investieren. Die jährlichen Zinszahlungen würden durch den Wertverlust des Dollar mehr als aufgefressen. Hinzu kommt, dass sich viele ranghohe Politiker in Beijing um die Kreditwürdigkeit der USA sorgen. Die klügere Alternative ist die Investition in Aktiven, die ihren Wert wahrscheinlich behalten oder die sogar im Wert steigen werden, während der Dollar weiter an Wert verliert. Eisenerz in Sierra Leone, Minen in Südafrika, Kohle und Gas aus Australien, Öl aus dem Iran, Soja aus Brasilien. Selbst die kanadische Holzindustrie wird durch China neu belebt. Anfang des neuen Jahres hob China seine Prognosen für den eigenen Uranbedarf in den kommenden Jahren an. Die jüngste Politik der Federal Reserve, der Kauf von Staatsanleihen der eigenen Regierung in Höhe von 600 Milliarden Dollar, was auch unter dem Begriff QE2 bekannt wurde, dürfte die chinesischen Rohstoffkäufe nur noch mehr beschleunigen. China hat damit einen zusätzlichen Anreiz, Rohstoffe im Ausland zu kaufen und geht dabei sehr opportunistisch vor. Schon die bloße Präferenz der Chinesen für harte Aktiven gegenüber Staatsanleihen wird die Zinsen in den USA steigen lassen, während dort Wirtschaftswachstum härter aufrecht zu erhalten sein wird, als würde China wie in der Vergangenheit auch die lockere Schuldenpolitik der USA mitfinanzieren. In der letzten Zeit wurde das Vakuum, das China hinterließ, durch die Federal Reserve in QE1 und QE2 kompensiert. Es ist daher wahrscheinlich, dass es auch ein QE3 geben wird. Dabei muss China den Balanceakt schaffen, auf der einen Seite intelligent zu investieren, muss auf der anderen Seite aber auch versuchen, die US-Wirtschaft in einer so guten Verfassung zu behalten, dass sie die chinesischen Exporte auch weiter aufnehmen kann. Diese Erwägung wird aber nun immer weniger wichtig, da China mit hoher Geschwindigkeit seine Binnenwirtschaft aufbaut und die Binnennachfrage kontinuierlich wächst. Das wird die Abhängigkeit von den Exporten nach Amerika verringern. Einer der größten Geschäfte im Jahr 2010 war, als CNOOC, Chinas größter Offshore-Ölproduzent und einer der mächtigsten staatseigenen Betriebe, 2,2 Milliarden Dollar für den Kauf von Ölschiefer-Vorkommen von Chesapeake Energy und 3,1 Milliarden Dollar für eine 50%- Beteiligung an Argentiniens Bridas Energy ausgab. State Grid Corp. of China steckte eine Milliarde Dollar in chilenische Kupfervorkommen, während Sinopec 4,6 Milliarden Dollar für 9% an ConocoPhilips und weitere 7,1 Milliarden Dollar für das Brasilien-Geschäft von Repsol verwendete. CNOOC will in den USA nun 900 Ölquellen anbohren. Die Strategie lautet: Wenn China das Unternehmen nicht kaufen kann, kauft es den Rohstoff. Die chinesische Sinofert, die bei der Übernahme von Potash Corp. dem konkurrierenden Bieter BHP Billiton unterlag, gab den Kauf des wichtigen Düngemittels Pottasche für 2,2 Milliarden Dollar von Canpotex bekannt. Canpotex ist die Düngemittelallianz, der auch Potash angehört. Alleine im Juni, dem letzten Monat, zu dem Daten bekannt sind, kaufte China für 1,1 Milliarden Dollar kanadische Metalle und Kohlevorkommen in Mozambique. China kommt in die Welt zurück, nachdem es Jahrzehnte abgeschottet lebte, und steht dabei erst am Anfang. Irgendwann werden sich die Leute an die chinesischen Käufe gewöhnt haben und gar nicht mehr darauf achten. Das ist jetzt noch anders. China fällt mit den Käufen überall auf. Im Krisenjahr 2008, als die weltweiten Investments um 15% fielen, haben sich die chinesischen verdoppelt. Im Jahr 2009, als die globalen Investitionen sogar um 43% fielen, stiegen die chinesischen um 1%. Und das auch nur, weil die Übernahme von Rio Tinto durch Chinalco auf politischen Widerwillen stieß und schief ging. Hätte die Übernahme geklappt, wären die chinesischen Investitionen 2009 sogar um weitere 36% gestiegen. Im letzten Jahr kaufte China nun mehr Assets in den USA als die USA in China, zeigen Daten von Dealogic. In China läuft nichts ohne die Regierung. Die Unternehmen treten in der Welt eigenständig auf, dahinter steht aber immer die Regierung. Alles, was die Unternehmen machen, ist von der Industriestrategie in Beijing vorgeschrieben. Das Geld der Unternehmen ist das Geld der Regierung. Die Chinesen haben aus der gescheiterten, vom US-Kongress abgelehnten Übernahme des US-Ölkonzerns Unocal im Jahr 2003 gelernt, dass chinesische Übernahmen Menschen im Ausland nervös machen. Seither beteiligen sie sich gerne mit Minderheiten an Unternehmen, die sie interessieren. Einige Investments werden von der China Investment Corp. und der State Adminstration of Foreign Exchange Investment Co. durchgeführt – beides Sovereign Wealth Funds, die Zugriff auf die riesigen, 2,5 Billionen Dollar schweren Devisenreserven Chinas haben. Nach den klugen Beteiligungen an Blackstone und Morgan Stanley während der Finanzkrise, überdachte CIC seine Strategie und investiert seither in Rohstoffunternehmen wie die Hong Konger Noble Group, die russische Nobel Oil oder die kanadische South Gobi Energy Resources. Im Jahr 2001 verabschiedete Beijing das „zou chuqu“-Edikt für chinesische Unternehmen und ordnete an, „global“ zu werden – Markennamen sollen weltweit bekannt, die Importquellen sollen diversifiziert, die Exportmärkte ausgeweitet, die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert und schwache Bestandteile der Währungsreserven aufgelöst werden. Die USA waren das ideale Ziel für China. China hatte Unmengen an USDollars in seinen Reserven und die USA haben viele Unternehmen, die Produkte herstellen, die China braucht. Lenovo kaufte damals zum Beispiel einen PC-Hersteller von IBM. Für China war es frustrierend, die Nachfrage nach Rohstoffen in die Höhe zu treiben, selbst daran aber nicht zu verdienen. Dann kam das Debakel im Jahr 2003, als CNOOC sein Übernahmeangebot für Unocal zurückzog, nachdem der US-Kongress Widerstand gegen die Übernahme organisierte. Dann begann die Jagd nach anderen Rohstoffaktiven überall auf dem Globus. China musste dann erkennen, dass die westlichen multinationalen Konzerne aber schon Kontrolle über die meisten großen Rohstoffreserven hatten. Das bestehende, olipolistische, aus dem Westen gesteuerte Rohstoffsystem ist nur schwer aufzubrechen. China kam spät, viel zu spät. Das trieb China an riskantere Orte der Welt, zum Beispiel nach Afrika. Das Jahr 2006 rief China als das „Jahr Afrikas“ aus. China antichambriert bei Herrschern afrikanischer Länder, die der Westen aus moralischen Gründen meidet. In China gibt es keinen fehlgeschlagenen Staat. Die chinesische Sichtweise ist es, Entwicklungen erst anzuschieben und dabei den Takt vorzugeben, meint etwa Jin Linbo vom China Institute of International Studies in Beijing. Die meisten afrikanischen Staaten, die nach dem Kalten Krieg kein Geld mehr hatten, hießen die Chinesen mit offenen Armen willkommen. China bat zusätzlich zu Investitionen eine Mixtur aus billigen Löhnen und Infrastrukturaufbau an, gab günstige Exportkredite und schmeichelte den oft zweifelhaften Führern mit regelmäßigen Besuchen ranghoher Politiker aus Beijing. Die Industrial & Commercial Bank of China kaufte 20% der Standard Bank, der größten Finanzinstitution Afrikas. China finanzierte den Präsidentenpalast im Sudan. Es baute Fußballstadien. Afrika heißt dies willkommen: Westliche Konzerne hatten in der Vergangenheit nur einmal investiert und waren dann nicht mehr zu sehen. China baut Raffinerien, Häfen, Zugstrecken, Straßen, Schulen. China baut Afrika auf. Auch vom Westen anerkannte Nationen heißen die Volksrepublik China willkommen. Botswanas Präsident ließ zum Beispiel die bekannten Worte verlauten: „Ich finde die Chinesen behandeln uns so, als wären wir auf einer Augenhöhe. Der Westen behandelt uns als ehemalige Untergebene.“ Alles, was China verlangt, ist, dass die Länder, in die sie in Afrika investieren, ihre Beziehungen zu Taiwan abbrechen. Bezeichnend ist die Wirtschaftsschlacht um die Vorherrschaft in Ghana, einem ölreichen Staat, dessen Vorkommen vor allem vor der Küste unter Wasser zu finden sind. Die texanische Kosmos Energy ist an einem solchen Offshore-Feld beteiligt. ExxonMobil ist sehr an der Übernahme der Anteile interessiert und bat vergangenen Sommer 4 Milliarden Dollar dafür. Dann kam die chinesische CNOOC und die staatseigene Ghana National Petroleum Corp. und baten 5 Milliarden Dollar. Exxon zog daraufhin sein Gebot zurück, mit der Befürchtung, dass das von den Chinesen unterstützte Übernahmeangebot ohnehin favorisiert werden würde. Das war im August. Im Monat darauf gab die China Development Bank bekannt, 3 Milliarden Dollar zum Aufbau des Öl- und Gassektors in Ghana zu investieren. Die China Export-Import Bank vergab Ghana einen Kreidt über 10,4 Milliarden Dollar für Infrastrukturprojekte. Im November lehnte Kosmos, hinter denen Warburg Pincus und Blackstone stehen, das Gebot von CNOOC als zu niedrig ab. Es wird aber erwartet, dass CNOOC nicht so leicht aufgeben wird. China baut Pipelines in Kazakhstan und Uzbekistan und baut Kupfer im Süden Kabuls ab. Die Pläne für den Bau von Straßen und Pipelines durch Pakistan und Afghanistan sind bereits fertig. China investiert auch große Summen in Australien, so große Summen, dass das Ausländische Investmentbüro in Canberra der Regierung empfiehlt, dass chinesische Beteiligungen unter 50% pro Unternehmen gehalten werden sollten. Im Jahr 2009 trugen die Chinesen in Australien zu 40% zu den gesamten ausländischen Investitionen in den Bergbau bei. Beijing stimmte zu, Erdgaslieferungen für 20 Jahre die Zukunft von Chevron zu kaufen – und das 37 Milliarden schwere Erdgasfeld auf Barrow Island in Australien gleich mit aufzubauen. China ist bereits mit 9% an Rio Tinto beteiligt und versuchte, mehr Anteile zu erwerben. Als dies schief ging, verhaftete China einen führenden Rio-Tinto-Manager und beschuldigte ihn der Korruption. Der neue Fünfjahresplan Beijings, der in diesem Jahr in Kraft tritt, wird sich stärker auf nachhaltiges Wachstum fokussieren: Mehr Binnenkonsum, geringere Abhängigkeit von Exporten, höhere Löhne für Arbeiter, effizientere Energienutzung. Das könnte die Nachfrage nach ausländischen Rohstoffkäufen verlangsamen, zumindest etwas. Sicher ist, dass das Defizit bei allerlei Rohstoffen auch weiterhin anhalten wird. Mehr und mehr Länder werden China den Rang bei der Sicherung von Rohstoffreserven streitig machen. Viele andere Länder wachsen kräftig und wollen ihre US-Dollar-Reserven diversifizieren. Das East West Center schätzt, dass die weltweit gehaltenen Währungsreserven von 8,1 Billionen Dollar im Jahr 2009 zu 60% elf asiatischen Ländern zuzurechnen sind. Die Finanzkrise hat diese Menschen davon überzeugt, dass es intelligenter ist, Rohstoffvorkommen zu sichern, als weiterhin in USStaatsanleihen zu investieren. Der Wunsch ist spürbar, in echte Unternehmen zu investieren, anstatt einfach nur die Währung zu halten. China hat Indien durch seine starke Präsenz in Afrika schon bei weitem überholt. Die Aufwertung des Yuan wird die Kaufkraft der Chinesen im Ausland weiter stärken. Mit der Aufwertung der chinesischen Währung wird der Binnenkonsum in China gestärkt, die Produktion verteuert und die Fabrikation von Gütern in den USA wieder attraktiver. In einem Jahrzehnt wird China eine Mittelschicht von 350 Millionen Menschen haben. Die Bedeutung dieses Trends für die Rohstoffpreise kann gar nicht überschaÅNtzt werden. China ist heute der weltweit größte Nachfrager von Kupfer, Zinn, Stahl, Kohle, Aluminium und Eisenerz, das über Seewege transportiert wird. Und es ist der zweitgrößte Nachfrager von Erdöl. Unternehmen, die an der Börse liquide handelbar sind und von Investoren als Profiteure dieses Trends angesehen werden, befinden sich in einem Höhenflug, der an die Zeiten des Neuen Marktes erinnert: T. Rowe Price, Freeport McMoran Copper & Gold, Peabody Energy und Joy Global sind nur einige der Namen. Alles, was sie heute in Sachen Rohstoffe in die Hand nehmen, ist von China beeinflusst. Die chinesische Regierung hat genaue Vorstellungen davon, was sie benötigt, und findet für uns im Westen unorthodoxe Wege, an diese Dinge ranzukommen. Für die Finanzierung der USRegierung sind das alles sehr schlechte Nachrichten. QE3 wird kommen.

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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