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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 13.09.2013

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 13.09.2013:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Borussia Dortmund: Auf dem Weg zur zweiten internationalen Fußballmannschaft aus Deutschland

Warum dominiert der FC Bayern seit langem den deutschen Fußball, und warum gelingt es dem Borussia Dortmund immer wieder nur für wenige Jahre, an der Spitze mitzuhalten? Ist Erfolg kalkulierbar? Um es kurz zu machen: Ja, Erfolg ist kalkulierbar, und der BVB befindet sich auf einem guten Weg, sich an der Spitze zu etablieren. Die Finanzen sprechen dafür. Doch es gibt noch eine Reihe von Problemen, die gelöst werden müssen, bevor wir den BVB in der 1. Liga als unter den besten fünf Mannschaften gesetzt betrachten können.

DAS BÖRSENTEAM DES BVB

An der Börse stürmt für den BVB nicht Robert Lewandowski sondern Diplom Kaufmann Hans-Joachim Watzke als Vorstandschef (CEO). Schüsse aufs Tor des BVB muss an der Börse nicht Roman Weidenfeller parieren sondern der gelernte Wirtschaftsprüfer Thomas Treß als Finanzchef (CFO). Und die beiden Vorstände werden nicht von Jürgen Klopp geführt, sondern vom Aufsichtsratschef, dem Unternehmer Gerd Pieper. Dieses Gespann arbeitet seit der Beinahe-Insolvenz 2006 erfolgreich zusammen.

So wurde zu einem großen Teil aus der eigenen Nachwuchsarbeit eine ordentliche Mannschaft entwickelt. Schließlich war natürlich Trainer Jürgen Klopp ein Glücksgriff und als Außenseiter mit gutem Überraschungspotential konnte der BVB einige Spieler für sich gewinnen, die bei einem Wechsel zu den Bayern ihre Hand wohl deutlich weiter aufgehalten hätten. Klopp konnte mit einer ziemlich perfekten Elf zunächst 2012 die Meisterschaft gewinnen und schickte diese Elf dann in die Championsleague.
 

SPORTLICHE ERFOLGE DES BVB

Doch es sind immer noch Menschen, die da auf dem Platz stehen. Wenn mal einer krank wurde, gab es wenig Alternativen. Wenn mal einer einen schlechten Tag hatte, auch das soll bei Fußballern vorkommen, gab es wenig Alternativen. Die Top-Elf musste funktionieren. Drei Jahre in Folge jedes Bundesliga-Spiel, jedes DFB-Pokalspiel, jedes Championsleague-Spiel, dazu aufgrund des Erfolges natürlich für einige Spieler noch Fußball-Länderspiele..., da kann man irgendwann nicht mehr verlangen, dass immer die Höchstleistungen präsentiert werden.

Der Mannschaft fehlt die „Breite", wie es Chef Watzke einmal formulierte. Mit dem Transfer von Mittelfeld-Star Mario Götze nahm der BVB schlappe 37 Mio. Euro ein, aus der Championsleague flossen weitere über 20 Mio. Euro in den Verein. Für die gerade angelaufene neue Saison hat der BVB drei Spieler für 50 Mio. Euro gekauft: Pierre-Emerick Aubameyang für den Sturm, Henrikh Mkhitaryan für das Mittelfeld und Sokratis Papastathopoulos für die Abwehr. So wurden mit den Finanzen des Abgangs eines Mittelfeldspielers und der Championsleague alle drei Spielfeldbereiche (Sturm, Mittelfeld und Abwehr) gestärkt. Mehr Breite für die gerade angelaufene Saison.

Kritiker sehen darin jedoch eher eine Investition in die Tiefe: Es wurden drei teure Stars gekauft. Götze war ein BVB-Eigengewächs, kostete den Verein also nichts. Die 39 Mio. Euro konnten als Gewinn verbucht werden. Wenn das Geld nun in teure Spieler investiert wird, dann sind solche finanziellen Transfer-Nettoerfolge nicht mehr zu erwarten, so fürchten die Kritiker.

Doch der BVB braucht meiner Ansicht nach genau diese drei Spieler, damit auf allen Positionen etwas mehr gute Alternativen verfügbar sind. Nach wie vor gibt es eine gute Nachwuchsarbeit im Verein, und wer weiß, vielleicht wird schon bald wieder ein neuer Götze nach oben gespült. Doch darauf darf sich der Verein nicht verlassen. Mit den Erfolgen der vergangenen drei Saisons (zweimal Meisterschaft, einmal Championsleague-Finale) muss nun dafür gesorgt werden, dass der BVB konstant oben an der Tabellenspitze der Bundesliga zu finden ist. Und wenn der BVB das erreichen möchte, dann darf er nicht zu Hause gegen Hoffenheim verlieren, wie es am letzten Spieltag der Vorsaison geschah, weil alle Top-Spieler für die Championsleague geschont werden mussten.
 

GUT DIVERSIFIZIERTE EINNAHMEQUELLEN

Schauen wir uns einmal an, ob die Zahlen der Gelb-Schwarzen eine „Echte Liebe" der Fans auch langfristig unterstützen können.

Es fällt zunächst einmal auf, dass der Verein „eigentlich" sehr gut diversifizierte Einnahmen hat. 305 Mio. Euro wurden in der abgelaufenen Saison eingenommen. Die Einnahmen verteilen sich mit je 25-30% auf die Bereiche Transfer (hier hat Mario Götze für einen Umsatzschub gesorgt), TV-Vermarktung und Werbung (Sponsoring). Der Spielbetrieb (Eintrittskarten) steuert 15% zum Umsatz bei, wobei dies aufgrund der hohen Anzahl an Dauerkarten ein sehr verlässlicher Umsatzbestandteil ist. Der BVB hat deutschlandweit die meisten Dauerkarten verkauft (zwei Drittel der 80.000 Stadionplätze) und verfügt europaweit über die größte Fangemeinde (80.552 Fans , Platz 2 Barcelona mit 78.340, Platz 3 Manchaster United mit 75.115, Bayern abgeschlagen mit 69.000). Mit Handel, Catering und Lizenzen nimmt der Verein nochmals rund 18% des Umsatzes ein.

Auch ohne den Götze-Transfer ist der Umsatz des BVB um 34% gegenüber dem Vorjahr angesprungen. Diese Entwicklung zeigt, dass das Management nicht wie Glücksritter auf den nächsten Millionentransfer setzt, sondern auch die anderen Umsatzbereiche kontinuierlich weiterentwickelt. Und aus einem Götze drei neue Spieler zu machen, aus finanzieller Sicht, stärkt auch die Mannschaft als Ganzes und steigert die Wahrscheinlichkeit, auch in dieser Saison wieder einen Championsleague-Platz zu erspielen.


ERFOLGE ZIEHEN STEIGENDE PERSONALKOSTEN NACH SICH

Detaillierte Zahlen für die einzelnen Geschäftsbereiche werden erst am 27. September veröffentlicht. Dort werden dann auch erste Haare in der Suppe erkennbar:

Denn die Kostenseite hat sich ebenso sprunghaft entwickelt wie der sportliche Erfolg, leider. Wie eingangs beschrieben, kann der BVB nicht mehr als Außenseiter auf die Tränendrüse und Gehälter drücken, jetzt fordern Spieler vergleichbare Gehälter wie in den anderen europäischen Top-Mannschaften. Das zeigte sich schon im letzten Quartal der abgelaufenen Saison, als die Personalkosten sprunghaft anstiegen.

Analysten erwarten einen Anstieg der Personalkosten um 18% für die abgelaufene Saison und von weiteren 6% für die gerade begonnene Saison. Der üppige Gewinn dieser Saison wird sich auch bei vergleichbarem sportlichen Erfolg so nicht wiederholen lassen.
 

BILANZ VERKRAFTET AUCH SPORTLICHE TIEFSCHLÄGE

Analysten sind stets vorsichtig. So gehen sie konservativ davon aus, dass der BVB dieses Mal die Gruppenphase der Championsleague nicht überstehen wird und dass sich kein vergleichbarer Nettotransfererlös wie für Mario Götze erzielen lassen wird. In diesem Szenario sind die Personalkosten dann deutlich höher, während gleichzeitig der Umsatz um 20% zurückgeht.

Der Gewinn, der schon in der abgelaufenen Saison ohne den Götze-Transfer rückläufig war, würde dann in der gerade angelaufenen Saison kräftig einbrechen. In Zahlen: 0,45 Euro wurden 2011/12 je Aktie verdient, ohne Götze wurden 2012/13 noch 0,23 Euro je Aktie verdient, und in der angelaufenen Saison wird mit 0,28 Euro je Aktie gerechnet.

An diesen Zahlen sieht man deutlich, dass die Kosten für den BVB nachhaltig angesprungen sind. Der Gewinn jedoch hängt Saison für Saison erneut am spielerischen Erfolg der Mannschaft. Je weiter der BVB in der Championsleague kommt, je weiter er im DFB-Pokal durchkommt, desto höher die Einnahmen. Insbesondere der Bereich der TV-Vermarktung ist hier eine große Variable.

Klar, die Prognose für die gerade angelaufene Saison ist so etwas wie ein Worst Case Szenario, insbesondere da der BVB erstmals in seiner Vereinsgeschichte die Saison mit vier Siegen startete und die Tabelle anführt: Der BVB übersteht die Championsleague Gruppenphase nicht und scheidet beim DFB-Pokal früh aus. Zudem wurden keine Ablöseeinnahmen eingerechnet, doch der BVB hat in den vergangenen zwei Jahren über Götze hinaus eine ganze Reihe weiterer Spieler groß gemacht, die heute einen ordentlichen „Buchwert" mit sich tragen. Ja, „Buchwert" heißt so etwas in der Finanzwelt. Der Fußballer trägt einen Wert mit sich rum, den der Verein noch nicht „realisiert" hat.

Schauen Sie sich die jungen Spieler des BVB einmal an: Marcel Schmelzer (Abwehr) ist bereits Nationalspieler, aber gerade einmal 24 Jahre alt. Stürmer Marvin Duksch und Verteidiger Marian Sarr sowie Koray Günter, alle drei erst 18 Jahre alt, haben gute Chancen über die U21 Mannschaft in absehbarer Zeit ebenfalls Nationalspieler zu werden. Sven Bender (23, Mittelfeld), Marco Reus (23, Mittelfeld) und Matz Hummels (24, Abwehr) haben allesamt langfristige Verträge bis 2017.

So steht und fällt die Aktie des BVB mit dem sportlichen Erfolg der Mannschaft. Das ist ein großer Fortschritt zu 2006 oder auch 1998. Damals war der BVB schon einmal in die Spitze des europäischen Fußballs vorgestoßen, verfügte jedoch nicht über die Kraft, dort zu verbleiben. Und so rutschte der Verein 2006 beinahe in die Insolvenz. Diese Gefahr besteht heute, so breit, wie der Verein aufgestellt ist, nicht.
 

AUFWÄRTSPOTENTIAL DER AKTIE HÄNGT AM SPORTLICHEN ERFOLG

Heute ist der BVB viel besser aufgestellt: Mit den für die kommende Saison vorsichtig erwarteten Spielerfolgen wird der Verein keine Schulden machen müssen. Watzke hat die Devise ausgegeben: „Maximaler sportlicher Erfolg unter Verzicht auf neue Schulden für diesen." Es ist also nicht zu fürchten, dass die Aktie ins Bodenlose stürzt, wenn den BVB eine Pechsträhne heimsucht. Nein, der BVB kann auch ein paar Mal verlieren, ohne in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten.

Oben an der Spitze des europäischen Fußballs hängen die Früchte nicht mehr so tief. Der BVB hat in den vergangenen zwei Jahren Überraschungserfolge feiern dürfen, und das hat sich finanziell sehr vorteilhaft ausgewirkt. Dieses Finanzpolster wurde nun eingesetzt, um eine Stellung in der oberen Gruppe zu halten. Der BVB greift damit explizit nicht nach den Sternen! Er möchte sich langfristig oben etablieren. Die Chancen dafür stehen meiner Einschätzung nach recht gut.

Sollte nun der DFB-Pokal oder die Championsleague besser laufen als bei den vorsichtigen Annahmen der Analysten zugrunde gelegt, dann kommt es erneut zu einem Geldsegen. Die Mehreinnahmen werden dann erneut in den Ausbau des Spielerkaders gesteckt.
 

ÜBERRASCHUNGSPOTENTIAL DURCH SPIELERTRANSFERS

Zudem gibt es weiterhin die Möglichkeit, dass einzelne Spieler durch einen vorzeitigen Transfer ordentliche Ablösesummen generieren. Denn eines ist jedem Fußballer gemein: Er will spielen! Und wenn sich die Auswechselbank des BVB langsam qualitativ nach oben entwickelt, dann werden vermehrt erstklassige Spieler auf der Bank sitzen, die dann von anderen Vereinen mit dem Versprechen in die Stammmanschaft übernommen zu werden, abgeworben werden können. Hier sehe ich ebenfalls ein klares Überraschungspotential.

Die Aktie war 2010 von 1 Euro auf 3,50 Euro angesprungen. Damals wurde offensichtlich, dass Watzke und Treß die Finanzen des Vereins in den Griff bekommen haben. Seither konnten zwei Meisterschaften die Aktie nicht weiter nach oben bewegen. Doch in dieser Zeit hat sich der Umsatz des Vereins auf den oben genannten Standbeinen vervielfacht, so dass die damals ambitionierte Bewertung heute als fair betrachtet werden kann.
 

FAZIT: SOLIDE AKTIE FÜR FANS

Für die kommende Saison wird ein KGV von 12 erwartet. Vor dem Hintergrund des Umsatzrückgangs ist es in Ordnung. Es ist eine vorsichtige Chance mit viel positivem Überraschungspotential. Die Aktie des BVB ist etwas für Fans, die ihrer „Echten Liebe" nachkommen möchten und an den spielerischen Erfolg ihres Teams glauben.

Für uns im Heibel-Ticker ist die Aktie jedoch höchstens eine Spekulation wert. Doch Spekulieren auf spielerische Erfolge kann man in meinen Augen besser in Wettbüros. Ich möchte Ihnen nicht in ein paar Monaten erklären, dass aufgrund der Knieverletzung des Spielers XY die angestrebten Ziele nicht erreicht werden konnten und die Aktie daher auf der Stelle tritt. Knieverletzungen sind keine volkswirtschaftlichen Faktoren, da kenne ich mich nicht aus.

 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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