Apples perfektionistischer Anspruch

Veröffentlicht von Stephan Heibel am 24.01.2013
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Heibel-Ticker

"Res ipsa loquitur" (Juristenspruch: "Die Sache spricht für sich selbst"), sagt das wertvollste Unternehmen der Welt und präsentiert Zahlen, an die kein zweites Unternehmen herankommt. 18% Umsatzwachstum auf der Basis eines zehn Jahre ungebrochenen Erfolgspfads. 13,81 USD Gewinn je Aktie, was zu einem sensationell günstigen KGV von 7 führt. iPhone Absatzwachstum von 29% auf Basis der ohnehin bereits bestehenden Marktführung. iPad Absatzwachstum von 49% in einem Markt, der heiß umkämpft ist.


Lieferengpässe bei Apple

Gut, aufgrund von Lieferengpässen konnten nur 4,1 Mio. Macs verkauft werden - 21% weniger als vor einem Jahr. Aber die Menschen hätten doch viel mehr gekauft, wenn Apple hätte liefern können. Und auch beim neuen iPhone und beim iPad Mini waren Lieferengpässe der Grund dafür, dass nicht noch mehr verkauft wurde, behauptet das Management von Apple. "Wenn wir alle Produktionskapazitäten der Welt für unsere Produkte sichern könnten, dann würde die Welt nichts anderes mehr kaufen, als unsere technologisch überlegenen und esthetisch perfekt gestalteten Produkte", höre ich fast schon CEO Tim Cook sagen.

Doch Analysten kennen in Ermangelung einer soliden Ausbildung nur die sarkastische Abwandlung des lateinischen Spruchs: „Res ipsa loquitur, sed quid in infernos dicet?" („Die Sache spricht für sich selbst, aber was zum Teufel sagt sie?").

Seit zehn Jahren ist Apple mit dem Entwickeln überlegener Produkte beschäftigt

Steve Jobs Ignoranz der Wallstreet gegenüber ist legendär. Nachfolger Tim Cook scheint ihm nicht nachstehen zu wollen, und so ringen Analysten um verlässliche Zahlen, um die drängensten Fragen zu beantworten. Fragen wie: Wie haben sich die Gewinnmargen der einzelnen Produkte entwickelt? Lässt sich daraus ein Trend ablesen hin zu geringmargigeren Produkten?

Oder wie viele iPhone 5 wurden verkauft, wie viele der alten iPhones? Ist das iPhone 5 im Markt angekommen oder sind die Zahlen durch den Erfolg der Vorgängermodelle geschönt?

Oder wie entwickelt sich das iPad und das iPad Mini? Eine gemeinsame Zahl für diese beiden Produkte mit grundsätzlich unterschiedlichen Gewinnmargen erschwert es, Prognosen zu erstellen.

Nein, Apple gibt nur preis, was es möchte

Und ich habe bei der Analystenkonferenz das Gefühl bekommen, dass weitergehende Fragen als unangenehm und teilweise sogar unangemessen betrachtet werden. Das Management scheint davon überzeugt zu sein, dass die Nachfrage nach den eigenen Produkten unersättlich ist und das einzige Problem darin besteht, die Zulieferung der Vorprodukte sicherzustellen. Von einer Marktsättigung, eine vorherrschende Angst bei vielen Analysten, sieht das Management von Apple noch nichts und gibt auch keine detaillierten Zahlen heraus, um die Befürchtung zu zerstreuen.

So laufen Analysten los und befragen Zulieferer von Apple. Doch wehe dem, der irgendetwas preis gibt. Er verliert umgehend seinen Auftrag von Apple. Das Vorgehen ist verständlich für ein innovatives Unternehmen wie Apple. Aber das Bedürfnis der Analysten nach Zerstreuung der Befürchtungen, oder einfach nach mehr Details, ist ebenfalls verständlich.

Denn Analysten wissen: Ein guter Ingenieur hat herausragende Ideen

Ein sehr guter Ingenieur kann herausragende Ideen mit ökonomischen Gegebenheiten (verfügbares Budget) in Einklang bringen. Ein Unternehmen, das allein so viel Wert ist wie der Schuldenstand des europäischen enfant terribles, Griechenland, und das ein Drittel davon in Bar mit dem Portemonnaie in der Hosentasche herumträgt, kennt keine Budgetprobleme. Wenn das neue iPhone durch eine neuartige Produktionstechnologie um 1,7 mm dünner gemacht werden kann, dann wird diese Technologie eben entwickelt und eine Fabrik dafür gebaut.

Bei der Einführung des iPhones war Apple der Konkurrenz um Jahre voraus. Allein die Hardware war so überlegen, dass das Unternehmen fast jeden Preis verlangen konnte. Und jedes Jahr bringt Apple weitere technologische Feinheiten auf den Markt, die ihm den Vorsprung sichern sollen.

Doch Kopieren ist günstiger als selber entwickeln und ... es geht viel schneller. Die Konkurrenz holt auf und es wird immer schwerer und teurer für Apple, sich auf der Hardwareseite von der Konkurrenz abzuheben.

Die Konkurrenz greift gleich an mehreren Fronten an

Hardwareseitig durch Samsung. Softwareseitig durch Google. Apple kämpft also schon mal an mindestens zwei Fronten gleichzeitig. Das erinnert mich an die 90er Jahre, als Apple schon einmal die esthetisch perfekten und technologisch überlegenen Computer auf den Markt brachte, schließlich aber von Microsoft auf der Softwareseite und Dell, HP, IBM, Intel, usw. auf der Hardwareseite, in die Mangel genommen wurde. Das Ende der Geschichte kennen Sie.

Ich kann diese Wallstreet Yuppies verstehen: Vertrauen ist gut, aber nachdem Apple dreimal in Folge die Erwartungen der Analysten verfehlt hat, erbittet man sich doch ein wenig mehr Informationen, um die Konkurrenzsituation ein wenig besser abschätzen zu können. Schließlich möchte man nicht der Letzte an Bord sein, wenn Apple den Weg von Apple der 90er, oder auch den Weg von Microsoft, Intel, Dell und HP, einschlägt. Warum wird es diesmal anders sein?

"Weil wir die besten Ingenieure haben und diese Ingenieure bauen die besten Produkte der Welt. Schaut nur, wir könnten noch viel mehr verkaufen, wenn wir nur so schnell produzieren könnten wie die Produkte sich verkaufen..." antwortet Apple und die Analysten sind zu Recht unzufrieden mit der Antwort.

Es fehlen Zahlen, mit denen sich ein Boden für den Ausverkauf errechnen lässt

Ich bin der Überzeugung, dass wir den Boden einer fairen Bewertung längst nach unten durchbrochen haben. Doch wie so häufig an der Börse enden solche Bewegungen in Übertreibungen und so ist es weniger eine Frage der Berechnung, wo die Aktie ihren Boden findet, als vielmehr eine Frage der Erkenntnis im Management von Apple, dass die Wallstreet Antworten benötigt.

Antworten, die der Aktie helfen würden, einen Boden zu definieren. Ich würde vermuten, dieser Boden dürfte bei einer Halbierung der Gewinnmarge und mäßigem Umsatzwachstum bei etwa 400 Euro liegen, also etwa 20% über dem aktuellen Kurs. Diese Antworten geben Apple aber nicht mehr den Coolness-Faktor zurück. Dafür braucht Apple ein neues Produkte oder eine neue Idee.

 

Netflix und Apple?

Ich habe da einige. Wie wäre es, wenn Apple Netflix kauft? Der Anbieter von Video-Streaming hat heute früh einen Kurssprung von 35% gemacht. CEO Reed Hastings ist es gelungen, den Abonnentenschwund nach der Trennung des DVD-Lieferabos vom Streaming-Abo in ein leichtes Abonnentenwachstum von 8% umzuwandeln. Niemand hätte ihm das zugetraut, Analysten haben die Kosten für neue Filmlizenzen ins unendliche explodieren sehen.

Doch Hastings hat den wesentlichen Unterschied zwischen seinem Streaming on Demand Service und dem herkömmlichen TV herausgearbeitet: Die jungen Menschen haben es nie verstanden, auf die Fortsetzung einer Serie eine Woche warten zu müssen. Sie wollen gleich weiterschauen und im Zweifel gleich die ganze Staffel einer Serie in einer Nacht sehen. Auf gar keinen Fall wollen sie sich vom TV-Programm zu einer bestimmten Uhrzeit auf's Sofa fesseln lassen.

Und wenn man dann eine Folge verpasst hat, vielleicht sogar versäumt hat den Videorekorder zu programmieren, dann ist es schwer, diese Folge im nachhinein aufzutreiben. Lästig! Aus diesem Grund ist den TV-Sendern jede Serie verhasst, in der die einzelnen Folgen aufeinander aufbauen. Gleiche Charaktere, ähnliche Story, aber immer wieder so, dass auch ein neuer Zuschauer schnell hinein findet.

CEO Hastings hat für sein Netflix nun gerade die Serien gekauft, in denen die Folgen aufeinander aufbauen. Der Suchfaktor ist dort größer und anders als bei TV-Sendern kann Netflix anbieten, alle Folgen in einem Schlag zu zeigen. Die jungen Leute können die Folgen genau dann schauen, wenn sie wollen.

Netflix ist cool und kostet nur 6 Mrd. Euro. Apple könnte das aus der Portokasse zahlen und damit endlich sein iTV auf den Markt bringen.

LinkedIn ist ein anderes cooles Unternehmen

Alle, die sich vor der datensammelnden Facebook-Krake fürchten und lieber dem Außenseiter mit Schwerpunkt Karrierenetzwerk trauen, wenden sich LinkedIn zu, eine soziale Plattform, die gerade durch den verhunzten Börsengang Facebooks an Popularität gewonnen hat. Auch LinkedIn ist ein Schnäppchen für Apple - kostet nur 8 Mrd. Euro.

Apple und Twitter?

Und dann wäre da noch Twitter, der in privater Hand befindliche Kurznachrichtendienst. Sie wissen, dass Sie mich unter @StephanHeibel finden und mir Fragen über Twitter senden können? Probieren Sie es einfach mal :-) Es hilft, sich auf das wesentliche zu beschränken, was bei manchen E-Mail Anfragen nicht der Fall ist.

Twitter würde meines Erachtens ebenfalls bestens zu Apple passen und würde dem Unternehmen wieder einen coolen Touch geben. Doch nach 10 Jahren Erfolg von Apple, ist es nun an der Zeit, sich neu zu erfinden. Die junge Generation kann die Lobhudelei der 25-jährigen auf Apple nicht mehr hören.

Von mir aus könnte Apple gleich alle drei kaufen. Wenn CEO Tim Cook diesen Geschäftssinn jedoch nicht hat, so könnte er seine Barmittel zum Rückkauf von Aktien nutzen, dadurch den Gewinn je Aktie in die Höhe schrauben und sofort die eklatante Unterbewertung aufdecken.

Also: Zum Verkaufen der Apple-Aktie ist es nun zu spät. Zum Kaufen zu früh. Es fehlt ein Zeichen des Managements, dass es die Zeichen der Zeit erkennt.

WOCHENPERFORMANCE DER WICHTIGSTEN INDIZES



Ich würde sagen: keine besonderen Bewegungen. Eine durchweg positive Grundstimmung hat den Nikkei in den Vorwochen angetrieben, der Dow Jones hat diese Woche ordentlich zugelegt und der DAX scheint dies am heutigen Tage ebenfalls nachzuholen. Vor dem Hintergrund der sich aufhellenden Konjunkturerwartungen und sich beruhigenden Finanzkrisen, steigt der Ölpreis und sinkt der Goldpreis.

Hohe Zuversicht auf hohem Niveau, daher halten sich die Kurszuwächse, trotz überwiegend positiver Quartalszahlen, in Grenzen.
 

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