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Veröffentlicht von Stephan Heibel am 28.05.2015

Eine exklusive Leseprobe des Börsenbriefs der Ausgabe vom 28.05.2015:

Börsenbrief Heibel-Ticker
Heibel-Ticker

Stephan Heibel - veröffentlicht diesen Börsenbrief seit März 2000

Amazon: Genie Jeff Bezos

Heute hat also erneut die Aktie der US-amerikanischen Amazon.com Inc. (NASDAQ: AMZN) die Abstimmung gewonnen. Damit hatte ich vor dem Hintergrund, dass ich die Aktie erst vor wenigen Monaten für Sie analysiert habe und wo eBay doch gerade PayPal abspaltet, nicht unbedingt gerechnet. Allerdings hat sich bei dem Konzern in den letzten Wochen und Monaten durchaus einiges getan, sodass sich ein erneuter Blick auf die Aktie lohnt. Schauen wir sie uns also erneut an.

DAS GENIE VON JEFF BEZOS WAR SCHON IN DER GRÜNDUNG ZU ERKENNEN

Bereits in meiner letzten Wunschanalyse berichtete ich darüber, wie der einstige Investmentbanker Jeff Bezos ein neues Medium namens Internet entdeckte und gemeinsam mit seinem damaligen Chef die Idee eines elektronischen Buchgeschäfts über das Internet entwickelte. Doch bei der Idee blieb es nicht, und so kündigte er seinerzeit seinen mit 1 Mio. US-Dollar gut dotierten Job, um genau diesen Businessplan in die Tat umzusetzen.

Mangels Kapital gründete er sein neues Unternehmen in seiner eigenen Garage in Seattle und begann über die Website Amazon.com Bücher zu verkaufen, die er anschließend gemeinsam mit seiner Frau MacKenzie verpackte und versendete. Den Namen Amazon wählte er dabei bewusst aus. Hierfür gab es gleich drei Gründe. Zum einen begann er mit dem Buchstaben A, sodass er weit vorne in entsprechenden Verzeichnissen stand. Gleichzeitig war es jedoch ein Name, den er noch als Markennamen schützen und so eine eigene Marke aufbauen konnte. Zu guter Letzt ist der Amazonas der wasserreichste Fluss der Welt, sodass er optimal zu den Plänen von Bezos passte sein Unternehmen zum größten Konzern der Welt zu machen.

Hier zeigte sich bereits in der Gründung das Genie von Jeff Bezos. Denn wer von Ihnen würde schon einen mit 1 Mio. US-Dollar/Jahr dotierten Job aufgeben, um quasi in seiner Garage noch einmal bei Null zu beginnen? Und wer von Ihnen würde dieses Geschäft gleich mit der Vision starten, sein neues Start-up zum größten Konzern der Welt machen zu wollen? Ein Ziel übrigens, das Jeff Bezos zwar noch nicht ganz erreicht hat, dem er aber inzwischen schon recht nahe gekommen ist.


DER AMAZON-KREISLAUF: ALLES DREHT SICH UM WACHSTUM

Bereits zum Börsengang am 15. Mai 1997 hat Jeff Bezos seinen Investoren deutlich gemacht, was sie von ihm und seinem Unternehmen erwarten dürfen, nämlich Wachstum. Dazu malte er sein Businessmodell seinerzeit angeblich sogar auf eine Serviette, ähnlich wie seinerzeit Arthur B. Laffer dem damaligen US-Präsident Ronald Reagan den Zusammenhang zwischen Steuersatz und Steueraufkommen („Laffer-Kurve") auf eine Serviette gemalt haben soll.



Wie Sie diesem Bild entnehmen können, steht das Wachstum (Growth) im Mittelpunkt. Um dieses Wachstum zu erreichen, benötigt man eine hohe Kundenzufriedenheit (Customer Experience), die man in erster Linie mit Hilfe einer günstigen Kostenstruktur (Lower Cost Structure) und dadurch niedrigen Preisen (Lower Prices) erreicht. Dank der hohen Kundenzufriedenheit steigt der Traffic, was wiederum weitere Anbieter (Sellers) auf die eigene Plattform lockt. Dadurch wiederum gibt es eine größere Auswahl für die Kunden (Selection), was wiederum die Kundenzufriedenheit steigert.

Um also die Kundenzufriedenheit zu erhöhen, was zentral für das Wachstum ist, gibt es für Jeff Bezos und Amazon.com nur zwei Möglichkeiten: immer niedrigere Preise oder eine größere Auswahl. Schauen wir uns nun an, wie das Unternehmen dies umgesetzt hat.


AMAZON.COM STARTETE MIT NIEDRIGEN PREISEN UND SETZTE SICH FRÜHZEITIG SELBST UNTER DRUCK

Jeff Bezos startete sein Unternehmen bewusst mit einem sehr einfachen Produkt, das sich zudem ganz hervorragend für den Online-Vertrieb eignete, nämlich Büchern. Diese verkaufte er von Beginn an zu möglichst niedrigen Preisen und baute dann sein Angebot sukzessive immer weiter aus.

Einer der wichtigsten Schritte zur weiteren Expansion wurde dann jedoch Ende des Jahres 1999 lanciert, nämlich die damalige Einführung der sogenannten z-Shops. Damit öffnete Amazon.com seinerzeit erstmals seine Plattform für andere Verkäufer. So konnte man innerhalb kürzester Zeit das Angebot ausweiten, ohne jedoch viel Geld in die Hand nehmen zu müssen.

Doch die z-Shops waren noch aus einem weiteren Grund sehr wichtig. Denn mit Öffnung der eigenen Plattform für fremde Anbieter setzte sich der Konzern frühzeitig (nur rund fünf Jahre nach seiner Gründung) selbst unter einen enormen Wettbewerbsdruck und zwang sich damit selbst zu größter Kosten-Disziplin.

Denn wenn die fremden Anbieter den Kunden bessere Preise angeboten hätten als Amazon.com selbst, so hätten sie den Konzern Kunden, Umsatz und letztlich natürlich auch Gewinn gekostet.


AMAZON.COM ARBEITETE STETS NACH DEM TRIAL-AND-ERROR-PRINZIP

Generell arbeitete Amazon.com jedoch stets nach sehr evolutionären Prinzipien. So zwang man sich durch die frühzeitige Öffnung der eigenen Plattform für fremde Anbieter nicht nur zu höchster Kosten-Disziplin, sondern wandte zugleich auch noch das Trial-and-Error-Prinzip erfolgreich an. Nach diesem Prinzip arbeitet übrigens auch ein anderer US-Internetgigant, nämlich Google.

Dabei geht es darum, dass sich das Unternehmen stets trauen muss neue Dinge auszuprobieren und neue Wege zu gehen. Wichtig ist jedoch, dass das Management dabei zwar durchaus Fehler machen darf (Error!), diese jedoch so früh wie möglich erkennen und beheben muss. Ein exzellentes Beispiel ist hier Google Wave, das von Google seinerzeit großspurig als Revolution der eMail angekündigt und bereits kurze Zeit später wieder eingestellt wurde.

Das Trial-and-Error-Prinzip steht dabei in gewisser Weise im Gegensatz zu der selbst auferlegten Kosten-Disziplin, können Flops wie beispielsweise das Amazon Fire Phone doch kurzfristig viel Geld kosten. So musste Amazon in Q3/2014 Abschreibungen von mehr als 400 Mio. US-Dollar auf das gefloppte Fire Phone vornehmen, was die Aktie seinerzeit kurzfristig abrutschen ließ. Aber solche Flops gehören nun einmal dazu, sie dürften nur nicht überhand nehmen.


ENGSTMÖGLICHE BINDUNG DER KUNDEN IM AMAZON-UNIVERSUM

Bekanntlich möchte Amazon.com seine Kunden mittels niedrigster Preise sowie eines stets verbesserten Angebots überzeugen und an sich binden. Dazu geht der Konzern auch gerne mal neue, zum Teil sehr ungewöhnliche Wege. So kombinierte Amazon vor einiger Zeit seinen kostenlosen Versandservice Prime mit seinem Video-on-Demand-Angebot, das seinerzeit noch unter Lovefilm firmierte. So entstand unter dem Dach von Amazon Prime das Videoangebot Prime Instant Video, das ein voller Erfolg wurde und bis heute ist.

Doch wichtig für Amazon ist dabei nicht nur beständig neue Kunden zu gewinnen, sondern diese auch zu binden. Daher hat Amazon.com zuletzt auch damit begonnen das Erfolgsrezept des reinen Video-on-Demand-Anbieters Netflix zu adaptieren und eigene Filme und Serien zu produzieren. Auch in Zukunft sind hier weitere entsprechende Produkte wie der Amazon Dash Stick (zur Erstellung von Einkaufszetteln mit Bestelloption, natürlich bei Amazon) sowie Amazon Echo (ein intelligenter, sprachgesteuerter Lautsprecher) geplant. Diese ergänzen die Settop-Box Amazon Fire TV (als Konkurrenz von Apple TV) respektive den Amazon Fire TV Stick.

Das Amazon-Universum wird also immer umfangreicher, sowohl auf der Produktseite als auch auf Seiten der Inhalte. Damit hat Amazon inzwischen sogar einen Vorsprung vor Apple, die gerne einen ähnlichen Weg gehen würden, aber sich einfach nicht mit den Rechte-Inhabern (der Inhalte) einigen können. Während bei Amazon die Produkte jedoch nur Mittel zum Zweck sind und das Unternehmen damit kein Geld verdient, ist das iPhone von Apple hochprofitabel. Ein Mix aus Apple und Amazon wäre daher wohl für Aktionäre das beste Unternehmen der Welt. Gott sei Dank für uns Verbraucher stehen Amazon und Apple jedoch in einem beinharten Wettbewerb.


GESCHÄFTSENTWICKLUNG ZULETZT

Nachdem wir nun das Geschäftsmodell und die Prinzipien, nach denen Amazon.com arbeitet, ausführlich beleuchtet haben, kommen wir nun zu einem für viele Anleger etwas unerfreulicheren Kapitel, nämlich den Geschäftszahlen. Denn dank der auf Basis der eingeschlagenen Strategie hohen Investitionen schafft Amazon.com es bis heute noch nicht hochprofitabel zu arbeiten, wie es bspw. bei Apple der Fall ist. So erzielte Amazon.com im Geschäftsjahr 2013 einen Jahresumsatz von 74,45 Mrd. US-Dollar sowie einen Gewinn je Aktie von 0,59 US-Dollar.

Im Geschäftsjahr 2014 reichte es dann zwar zu einer Umsatzsteigerung um +19,5% auf 88,99 Mrd. US-Dollar, allerdings fiel dabei ein Verlust von -0,52 US-Dollar je Aktie an. Dabei drücken das Unternehmen bereits Schulden in Höhe von ca. 17 Mrd. US-Dollar (davon jedoch knapp 12,5 Mrd. US-Dollar langfristig), denen allerdings auch kurzfristig verfügbare liquide Mittel in Höhe von knapp 13,8 Mrd. US-Dollar gegenüberstehen. Der operative Cashflow betrug dabei zuletzt fast 8 Mrd. US-Dollar, was wiederum sehr gut ist.

Ein Schuldenproblem hat Amazon.com jedoch ohnehin nicht wirklich. Denn da Jeff Bezos bereits frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannte und auf Cloud Computing setzte, verfügt das Unternehmen heute über den größten und zudem bereits profitablen Cloud-Service unter dem etwas sperrigen Namen Amazon Web Services, kurz AWS.

Zuletzt wurde der Wert alleine dieses Dienstes von Analysten auf bis zu 30 Mrd. US-Dollar beziffert, und nachdem Amazon sein Cloudgeschäft in Zukunft auch gesondert in seiner Bilanz ausweisen möchte, erscheint ein Börsengang von AWS in nicht allzu ferner Zukunft eine echte Option. Würde Amazon aber nur 20% an AWS abgeben, so würden dem Unternehmen kurzfristig bis zu 6 Mrd. US-Dollar zufließen, sodass man bei Bedarf sämtliche Schulden sofort bedienen könnte.


ZUKÜNFTIGE GESCHÄFTSENTWICKLUNG

Im ersten Quartal 2015 steigerte Amazon.com seinen Umsatz gegenüber dem ersten Quartal 2014 um knapp +15,1% auf 22,72 Mrd. US-Dollar bei einem Verlust je Aktie von -0,12 US-Dollar. Im laufenden zweiten Quartal 2015 erwarten die Analysten einen Quartalsumsatz in Höhe von 22,34 Mrd. US-Dollar (+15,5% gegenüber Q2/2014) bei einem Verlust je Aktie von -0,18 US-Dollar.

Im gesamten Geschäftsjahr 2015e erwarten die Analysten daher inzwischen einen Jahresumsatz von 103,1 Mrd. US-Dollar (+15,9%) bei einem Gewinn je Aktie von 0,36 US-Dollar. Im kommenden Geschäftsjahr 2016e soll laut Analysten der Umsatz dann um +18,0% auf 121,69 Mrd. US-Dollar klettern. Ferner wird beim Gewinn je Aktie eine regelrechte Explosion auf 2,62 US-Dollar je Aktie (+628%) erwartet.

Diese Prognosen sind jedoch mit einer hohen Unsicherheit behaftet, weshalb die niedrigsten Erwartungen bei 0,28 US-Dollar je Aktie und die optimistischsten Erwartungen sogar bei 5,29 US-Dollar je Aktie liegen.


AKTUELLE BEWERTUNG, FUNDAMENTAL FAIRER WERT, MEIN KURSZIEL

Auf Basis der durchschnittlichen Analystenschätzungen für 2016e weist die Aktie zurzeit ein KUV von 1,63 sowie ein KGV von knapp 164 auf. Während das KUV noch eher moderat erscheint, sprengt das KGV natürlich jeden Rahmen. Eine Wachstumsaktie wie Amazon.com kann man jedoch ohnehin nicht auf Basis eines KGV bewerten, zumal der Gewinn durch die beständig extrem hohen Investitionen in neue Produkte und Inhalte verzerrt wird.

Beim letzten Mal gestand ich der Aktie ein KUV über 1,5 zu und errechnete so ein Kursziel von 400 US-Dollar auf Sicht der nächsten 12-18 Monate. Heute, gerade einmal ein halbes Jahr später, notiert die Aktie jedoch bereits deutlich über 400 US-Dollar und zeigt weiterhin Stärke. Daraus schließe ich, dass eine Bewertung mit einem KUV von 1,5 wohl zu niedrig angesetzt war. Angesichts einer anhaltenden Niedrigzinsphase sowie der Tatsache, dass die Aktie beim letzten Mal kurz vor meiner Analyse aufgrund der für die Anleger enttäuschend ausgefallenen Quartalszahlen deutlicher zurückgefallen war, finden sich auch durchaus gute Argumente den fairen Wert dieses Mal etwas höher anzusetzen. Ich würde der Aktie daher heute gerne ein 2016er KUV von bis zu 2 zugestehen. Damit läge der fundamental faire Wert der Aktie bei 522,64 US-Dollar.

Ich halte jedoch wenig davon solche auf den Cent genau berechneten Kursziele zu nennen und möchte gerne zumindest einen kleinen Risikoabschlag auf dieses rechnerisch ermittelte Kursziel vornehmen. Daher erhöhe ich mein Kursziel für die Aktie von zuvor 400,00 US-Dollar auf nunmehr 500,00 US-Dollar, womit noch ein Kurspotenzial in Höhe von knapp +17% gegeben wäre.


FAZIT

Beim letzten Mal als ich die Aktie für Sie analysieren durfte, notierte sie noch bei 310,00 US-Dollar respektive 251,80 Euro. Als Kursziel nannte ich 400,00 US-Dollar, wobei ich auch einen Anstieg auf bis zu 450,00 US-Dollar nicht ausschließen wollte. Mit einem Kurspotenzial von knapp +30% hielt ich die Aktie daher für kaufenswert.

Inzwischen hat die Aktie die Kursziele auf US-Dollar-Basis locker erreicht. Dank der gleichzeitig deutlichen Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar (EUR/USD von 1,24 auf 1,08) war die Aktie für Sie als Euro-Anleger sogar noch besser. Zwar glaube ich nicht an eine nachhaltige Trendwende beim Euro, allerdings dürfte der größte Teil der Abwertung inzwischen abgeschlossen sein. Kurzfristig würde ich maximal eine weitere Abwertung in Richtung der 1:1-Parität erwarten.

Daher erscheint das Kurspotenzial in Relation zum Risiko der Aktie inzwischen etwas eingeschränkt zu sein. Wer die Aktie bereits hat, kann sie somit zwar durchaus weiter halten. Ein Neueinstieg drängt sich jedoch zu den aktuellen Kursen nicht mehr auf. Hier würde ich auf eine Korrektur in Richtung der Marke von 400,00 US-Dollar oder leicht darunter warten. Sollte uns die Aktie diesen Gefallen tun, wäre sie dann auch wieder kaufenswert. Denn mein neues Kursziel liegt, wie eben geschrieben, nunmehr bei 500,00 US-Dollar.

 

Der obige Artikel stellt die Meinung des genannten Autors und/oder der genannten Börsenbrief-Redaktion dar und ist als unverbindliche Information anzusehen und keine Anlageempfehlung.


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