Amazon - 137% Kursgewinn in zehn Monaten und kein Ende in Sicht

Veröffentlicht von Stephan Heibel am 18.11.2015
Dies ist eine exklusive Leseprobe von:

Heibel-Ticker

137% Kursgewinn in zehn Monaten und kein Ende in Sicht. In der heutigen Wunschanalyse untersuche ich, was dieser Rallye ein Ende setzen könnte. Das Bewertungsniveau ist es nicht, wohl aber die Investitionsfreude, die Jeff Bezos seit den ersten Tagen Amazons immer wieder unter Beweis gestellt hat. Doch vorerst dürfte die Rallye weitergehen.


ÜBER 100% IN 12 MONATEN

Im Frühjahr hatten wir Amazon im Rahmen der Wunschanalyse erst vorgestellt (http://www.heibel-ticker.de/heibel_tickers/1134) und im Fazit ein Kurspotential von 25% in Aussicht gestellt. Das war mutig, denn die Aktie befand sich damals bereits mitten in der Rallye, die bis zum heutigen Tag ein Plus von 137% binnen zehn Monaten mit sich führte. 137% bei einem Einzelhändler mit hauchdünnen Margen, der bereits zuvor zu den gigantischen Konzernen der Welt mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Mrd. USD gehörte.

Diese Rallye kann meines Erachtens auf zwei Umstände zurückgeführt werden: Zum einen streckt in diesen Tagen ein Einzelhändler nach dem anderen die Waffen. Zum anderen zeigt sich in diesen Tagen die Überlegenheit der Cloud-Architektur gegenüber allen anderen IT-Infrastrukturen. Die Investitionen die Amazon über Jahre getätigt hat, zahlen sich nun aus.

Und das ist etwas, worauf Anleger seit nunmehr 15 Jahren vergeblich gewartet haben. Seit dem Börsengang kurz vor der Jahrtausendwende wurde Gründer und CEO Jeff Bezos immer wieder vorgeworfen, zu viel zu investieren. Immer wieder investierte er in den Ausbau der Infrastruktur und enthielt Anlegern dadurch die gewünschten Gewinne vor.

Heute ist Amazon weltweit so groß, dass die vermeintlich dünnen Gewinnmargen (1,7% operative Marge) zu einem stattlichen Gewinn führen. Die Investitionen sind getätigt, nun wird geerntet.


ERNTEZEIT IST EINGELÄUTET

Von 100 Mrd. USD Jahresumsatz bleiben gerade einmal 328 Mio USD Nettogewinn für die Aktionäre übrig, 0,33%. Doch das wird sich nun ändern: In den kommenden Jahren erwarten Analysten im Durchschnitt ein Gewinnwachstum von 90% p.a. Dies dürfte schon allein dadurch erreicht werden, wenn Amazon für eine Weile keine neuen teuren Projekte startet, wie es bei Jeff Bezos zur Gewohnheit geworden war.

Über 15 Jahre hat sich Amazon durch einen aggressiven Preiskampf Marktanteile von Einzelhändlern erobert. Inzwischen wird Amazon Prime zum Wachstumstreiber des Konzerns: Die Prime-Mitgliedschaft wird für 49 Euro p.a. angeboten und enthält neben der kostenfreien Belieferung am Folgetag auch den Video-on-Demand Dienst Amazon Prime Video sowie seit ein paar Tagen nun auch noch Prime Music, Amazons Version von Spotify.

Einzeln lassen sich diese Dienste, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, nicht kaufen. Doch der Preis ist auch so günstig, dass es für viele Kunden reicht, nur einen der Dienste wirklich in Anspruch zu nehmen ... um dann automatisch, weil mit enthalten, auch die beiden anderen Dienste zu nutzen und sich so daran zu gewöhnen.

Die Bequemlichkeit führt inzwischen bei vielen Kunden dazu, einfach bei Amazon zu bestellen, weil dort die Bankverbindung hinterlegt ist und das Produkt schnell, nämlich am Folgetag, zugestellt wird. Da ist der direkte Preisvergleich mit anderen Anbietern inzwischen für viele zu umständlich geworden. Nur wegen ein paar Cent Preisdifferenz machen sich viele gar nicht mehr die Mühe des Preisvergleichs.

Und das ist der Augenblick, auf den CEO Jeff Bezos seit Jahren wartet: Treue Kunden sind bereit, einen höheren Preis für Produkte zu bezahlen, nur um die gewohnt komfortable Amazon-Abwicklung nutzen zu können. Wir befinden uns am Beginn der Erntezeit für Amazon.


DAS JUWEL: AMAZON WEB SERVICES

Und neben den Erfolgen im Einzelhandel wird ein neuer Geschäftsbereich nach wie vor kaum in der Bewertung von Amazon berücksichtigt: Die Amazon Cloud AWS (AmazonWeb Services). Dort können Sie einzelne Rechenzentren-Dienste buchen, die Ihnen performanten Zugang zu Diensten geben, die Sie andernfalls teuer bei IT-Firmen in Auftrag geben müssten.

Amazon weist noch keine separaten Geschäftszahlen für diesen Geschäftsbereich aus, aber Bezos hat bereits die Möglichkeit erwähnt, diesen Bereich als eigenständiges Unternehmen auszugliedern. Damit gibt es natürlich nun eine Menge Phantasie für die Bewertung dieses Geschäftsbereiches, der ganz andere Margen aufweist als der Einzelhandel und damit ein deutlich höheres Bewertungsniveau zur Folge haben wird.


HOHE BEWERTUNG GERECHTFERTIGT

Mit 90% Gewinnwachstum wäre nach meiner Faustregel, die doppelte Wachstumsgeschwindigkeit als KGV-Grundlage anzusetzen, ein KGV von bis zu 180 möglich. Aktuell notiert die Aktie auf einem KGV von 950. Das liegt jedoch daran, dass Amazon bislang stets jeden Gewinn sofort wieder investiert hat und unter'm Strich daher stets um die Nulllinie pendelte.

Schon mit dem bis Ende 2016 erwarteten Gewinn (5,64 USD/Aktie) notiert Amazon auf einem KGV von 117. Das ist noch immer exorbitant hoch, aber vor dem Hintergrund des hohen Gewinnwachstums durchaus vertretbar.

Der Umsatz wächst nachhaltig mit 23% p.a. und stellt damit ebenfalls fast alle Einzelhändler in den Schatten. In der Bilanz stecken zwar 18 Mrd. USD Schulden, dem stehen jedoch 14 Mrd. USD Barreserven gegenüber, die Nettoschulden betragen also nur 4 Mrd. USD. Das ist sehr gering für einen Einzelhändler mit 100 Mrd. USD Jahresumsatz.

Im Frühjahr hatten wir einen Kurs von 500 USD in Aussicht gestellt, heute notiert die Aktie bereits bei 670 USD. Seither vermeldete Amazon für Q1 einen Verlust von 0,12 USD je Aktie, wie erwartet, in Q2 einen Gewinn von 0,19 USD je Aktie (erwartet wurde ein Verlust von 0,14 USD/Aktie) und in Q3 einen Gewinn von 0,17 USD je Aktie (erwartet wurde ein Verlust von 0,14 USD/Aktie).

Für das laufende Weihnachtsquartal erwarten Analysten nun einen Gewinn von 1,61 USD/Aktie. Wir dürfen gespannt sein, ob es Amazon erneut gelingen wird, die Erwartungen zu übertreffen.


BRANCHE KOLLABIERT

In den vergangenen Wochen haben eine ganze Reihe von Einzelhändlern verheerend schlechte Quartalszahlen vermeldet. Target, Macys, Nordstrom, JC Penney, Limited Brands, u.s.w. mussten schwache Umsätze bekanntgeben. Es wird offensichtlich, dass Einzelhändler mit Geschäften in den Innenstädten nichts weiter mehr sind als Ausstellungsräume für Amazon-Produkte. Wer ein Produkt zuvor einmal anfassen möchte, der geht ins Kaufhaus und lässt sich vielleicht sogar beraten. Anschließend spart er sich das Schleppen der Einkaufstaschen und bestellt bei Amazon.

Die Einzelhandelsbranche ist alarmiert, diverse Unternehmen haben bereits längsten eigene Online-Initiativen gestartet. Doch der Vorsprung in Sachen Benutzerfreundlichkeit und Kundendienst bis hin zu Geschwindigkeit ist so groß, dass die Einzelhändler keine Chance mehr haben.


FAZIT:

Die Rallye in Amazon kann noch eine Weile weitergehen. Insbesondere vor dem Hintergrund des gerade anlaufenden Weihnachtsgeschäfts erwarte ich, dass die Aktie noch weiter anziehen wird. Zumindest rechnerisch ist ja noch Luft nach oben, wenngleich ich das KGV von 180 für deutlich zu hoch gegriffen erachte. Ich würde meinen, spätestens beim KGV 2016e von 140, also bei einem Kurs von 800 USD, sollte Schluss sein.

Vielleicht auch schon früher, denn – und so kennen wir CEO Bezos – es ist jederzeit möglich, dass Amazon mit einer völlig neuen gigantischen Investition an die Öffentlichkeit geht. Wenn wir also heute die Gewinnmöglichkeit in die Zukunft projizieren vergessen wir, dass Amazon dafür bekannt ist, solche Gewinnprognosen durch neue Investitionsprojekte stets zu zerstören.

Und mit der Ankündigung eines neuen Projekts, dessen Erfolgsaussichten zumindest zu Beginn stets fraglich sind, wird die Aktie dann wieder auf ein anderes Bewertungsniveau gebracht werden, das die fehlenden Gewinne berücksichtigt. Und dieses Niveau wird deutlich niedriger sein als der heutige Kurs.

Wenn Sie also in Amazon investieren möchten, dann sollten Sie dies entweder nur aus sehr kurzfristiger, spekulativer Sicht tun. Oder aber Sie sollten Ihr Investment als eine erste kleine Tranche betrachten und sich bereit halten, im Falle eines heftigen Rückschlags nochmals nachzukaufen. Denn langfristig, das hat CEO Bezos nun mehrfach unter Beweis gestellt, trägt das Geschäftsmodell von Amazon gute Früchte, wenngleich kurzfristig immer wieder Investitionen Löcher in die erwarteten Gewinne reißen.

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